Was ist eigentlich Guerilla Gardening?

Gelbe Tomaten

Wenn du in den warmen Jahreszeiten mit offenen Augen durch Wien – oder durch eine andere Großstadt – gegangen bist, dann ist es dir gewiss schon begegnet, auch wenn du den Namen dazu nicht kennst. Plötzlich begrünte Baumscheiben, ein kleiner Gemüse- oder Kräutergarten mitten im Park oder auch nur ein paar Pflänzchen in einem der großen Bottiche, die Platz für genau einen Baum haben. Und daneben vielleicht das Schild „Bitte gießen!“.

Dann waren StadtgärtnerInnen unterwegs, und zwar keine offiziellen…

Guerilla Gardening war ursprünglich eine Form politischen Protests, um darauf aufmerksam zu machen, dass öffentlicher Raum tatsächlich öffentlich – also für alle und für alles da ist. Nun hat sich Guerilla Gardening zu einem Betätigungsfeld weiterentwickelt, das vieles enthält, was den kleinen Pflänzchen auf den ersten Blick gar nicht anzusehen ist:

  • Die Freude am Tun. Eine der Fragen, die in Diskussionen zur Weltverbesserung oft fällt, ist: Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln? Haben die Menschen nicht bereits genug Wissen, wie bekommt man sie nun endlich zum Tun? Wir kommen ganz einfach von der Wissensgesellschaft zur Handwerksgesellschaft: einfach eine Schaufel in die Hand nehmen und graben. Das „erdet“ in vielerlei Hinsicht.
  • Die Möglichkeit zur Selbstversorgung. Für Stadtmenschen (Urban Gardening) eine spannende Erfahrung, in einem kleinen Gemeinschaftsgarten was zu ernten, vielleicht zum ersten Mal im Leben. Zu erleben, wie viel Arbeit dahinter steckt, eine einzige Paradeispflanze vom Samen bis zum reifen Paradeiser zu pflegen – noch dazu kombiniert mit der Spannung, ob wer anderer mit der Ernte schneller war… Für Menschen, die Obst und Gemüse nur noch aus dem Supermarkt-Korb pflücken, ist der erste selbstgeerntete Schnittlauch auf dem Butterbrot schon ein Hochgenuss.
  • Die Möglichkeit zum Gestalten eines Fleckchens Erde. Wer einen Garten hat, weiß, welch sinnstiftende und ausgleichende Wirkung die Gestaltung eines Gartens hat. Nach dem Motto „Nutzen statt Besitzen“ ist mit Guerilla Gardening diese Erfahrung nicht mehr allein GrundbesitzerInnen vorbehalten.
  • Einen sichtbaren Hinweis auf seine Tätigkeit zu hinterlassen. Samenbomben sind friedliche Bomben, sie explodieren in Super-Zeitlupe und hinterlassen Blumen – Farbspritzer an grauen und tristen Orten. Mit dieser Form des Protestes wird Vorübergehenden erst klar gemacht, wie anders dieser Ort aussehen könnte, ganz nach dem Motto „Eine andere Welt ist pflanzbar“.
  • Gemeinschaft erleben. Der Übergang vom Guerillagarten zum Gemeinschaftsgarten ist fließend, jedenfalls ist Gärtnern eine Tätigkeit, die Menschen verschiedenster Länder gemeinsam durchführen können, wie das die Interkulturellen Gärten eindrucksvoll vorführen. Sprachbarrieren fallen durch das gemeinsame Tun weg, und Flüchtlinge und MigrantInnen können sich in ihrer neuen Heimat im wörtlichen Sinn „neu verwurzeln“.

Auf den Gusto gekommen, lockt der Sonnenschein nach draußen, und du hast schon genau ein Fleckchen in Gedanken, das ein bisschen Grün verträgt?

Ein paar ganz praktische Tipps

Die einfachste Möglichkeit, die Guerilla-GärtnerInnen zu unterstützen, ist, die „Bitte gießen“-Schilder zu befolgen, indem du Wasser nimmst und einfach die Pflanzerln gießt, wenn du einem Garten begegnest. Und natürlich ist es auch fein, wenn du die „Bitte nicht zerstören“-Schilder, ob vorhanden oder nur gedacht, auch beachtest und Respekt vor der Tätigkeit anderer zeigst. Ebenso zu befolgen sind natürlich auch die „Bitte ernten“-Hinweise!

Möchtest du selbst beginnen, so suche am einfachsten Kontakt zu anderen Guerilla-GärtnerInnen, im Internet oder mit einer Nachricht beim Garten mit deinen Kontaktdaten.  Oder es ist ohnehin dort ein Hinweisschild angebracht, wann dort jemand anzutreffen ist. Oder du startest mit deinen Freunden und Freundinnen und den Samenbomben-Anleitungen aus dem Netz.

Ein ungeschriebenes Gesetz ist, beim Guerilla Gardening nichts zu zerstören als das Einheitsgrau.

In Wien führen die mir bekannten Guerilla-Gärten eine friedliche Ko-Existenz mit dem Tun des Wiener Stadtgartenamtes, das an dieser Stelle löblich erwähnt wird: Einerseits ist gerade Wien eine gärtnerisch sehr gepflegte Stadt, wo nahezu überall Blumen, Sträucher und Bäume gepflanzt werden, wo das aus städtischer Sicht möglich scheint. Und finden die Guerilla-GärtnerInnen doch ein kahles Fleckchen, so wird vom Stadtgartenamt nicht gerodet, sondern mitgepflegt. Ich kenne beispielsweise einen wild gepflanzten Himbeerstrauch, der nicht nur nicht umgeschnitten, sondern sorgfältig vom Rasen rundum befreit und gegossen wird. Wie ich schon sagte, eine andere Welt ist pflanzbar, mach einfach mit!

Über Vera Besse
Vera Besse ist Vorstand von SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil. Das 21. Jahrhundert erfordert einen neuen Lebensstil – einen Lebensstil, der Solidarität und Ökologie ernst nimmt. Denn auch die Benachteiligten bei uns und in anderen Ländern und die Menschen künftiger Generationen haben ein Anrecht auf ein erfülltes Leben in einer intakten Umwelt.
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