Nachhaltigkeit- ganz leicht zu erklären?

Kinder auf Wiese

Wer, wenn nicht ich, könnte diese Frage kurz und knackig beantworten: nach einem Studium der Biologie; als Obfrau des Vereins SOL, der sich mit nachhaltigen Lebensstilen auseinandersetzt; und als Mensch, der von sich behauptet, selbst möglichst nachhaltig zu leben.

Mein Sohn hatte in der Volksschule gerade ein Schulprojekt und musste dazu seine Eltern interviewen: erst kam die Frage nach dem Beruf und dann die Frage: „Was magst du an deinem Beruf besonders gerne? Kannst du es mit einem Wort zusammenfassen?“ Natürlich ist da das Wort und die Definition NACHHALTIGKEIT sofort bei der Hand, doch was fängt ein Achtjähriger mit so einem sperrigen Begriff an, den nicht mal ein Erwachsener erklären kann? WELTRETTUNG war mir dann doch ein bisschen zu James-Bond-mäßig, also kam ich auf das Wort ZUKUNFT, denn für mich hat Nachhaltigkeit vor allem damit zu tun.

Wie kommt es also, dass man selbst nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema keine einfache, für alle verständliche Erklärung dafür hat? Ich werde mich dem Begriff Nachhaltigkeit von verschiedenen Seiten nähern, auf dass wir bis zum Kern der Sache kommen:

Versuch 1: Die historische Ableitung:

Hans Carl von Carlowitz sprach von „nachhaltiger Nutzung“ der Wälder in seinem bereits 1713 erschienenen Buch, da die radikale Abholzung der Wälder ein sehr massives Problem seiner Zeit war. Bei der Bewirtschaftung eines Waldes kann langfristig immer nur so viel Holz entnommen werden wie nachwächst.

„Eh klar“ wirst du jetzt sagen. Und trotzdem scheitern wir 300 Jahre später immer noch genau daran, weil der „Wald“ nun die gesamte Erde umfasst und „das Holz“ nun sämtliche Ressourcen, also alle Rohstoffe sind. Ob der „ökologische Fußabdruck“ ein gutes Maß ist, die Begrenztheit der Welt zu fassen, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt erläutern. Doch der Begriff Nachhaltigkeit hat sich von dem materiellen Aspekt weiterentwickelt.

Versuch 2: Der Brundtland-Bericht

Erst im Jahr 1987 taucht die Nachhaltigkeit wieder in den Köpfen der Menschen auf. Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung hat eine Definition für „nachhaltige Entwicklung“ verfasst, die sehr populär geworden ist: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“
Klingt zwar ziemlich technisch, doch das haben Definitionen ja so an sich. Doch wenn wir uns die Sache genauer betrachten, so ist sowohl der Begriff „Entwicklung“ als auch „Bedürfnis“ ziemlich umstritten, dehnbar, unklar, diskutierenswert: Beachtenswert ist, dass wir von einem statischen Erhalten des Zustandes bei der Nachhaltigkeit zu einem dynamischen Begriff bei „nachhaltiger Entwicklung“ kommen. Darüber hinaus als Denkanstoß: Welches Ziel hat die Entwicklung? Möglichst zufriedene Menschen oder möglichst viele Güter? Diese Frage hat schon Erich Fromm 1976 in „Sein und Haben“ angesprochen. Und wie erkenne ich im Alltag, ob meine Bedürfnisbefriedigung jetzt lebende und künftige Generationen hier und anderswo um ihre Chancen bringt?

Versuch 3: Drei Dimensionen

Nicht mehr genau rekonstruierbar ist die Quelle, die Nachhaltigkeit als Dreieck, Drei-Säulen-Modell oder in konzentrischen Kreisen darstellt. Dazu sagt man dann „die Zeit ist reif dafür“. Jedenfalls verbreitete sich Mitte der 1990er-Jahre rasch die Kunde, dass Nachhaltigkeit 3 Dimensionen umfasst: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Diese drei sollen gleichrangig betrachtet werden, und eine ist ohne die anderen beiden nicht möglich.

Warum plötzlich die Ökonomie bei der Nachhaltigkeit eine Rolle spielt und beim Drei-Säulen-Modell eine tragende? Gutes Lobbying, behaupten manche, denn der Verband der Chemischen Industrie (VCI) forderte 1996 in Deutschland, dass „wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichrangig berücksichtigt werden. Wir betrachten Sustainable Development also nicht als ein einseitiges ökologisches, sondern als ein ganzheitliches Zukunftskonzept. Denn jeder dieser drei Bereiche trägt dazu bei, dass eine langfristige und tragfähige Entwicklung möglich wird.“

Versuch 4: Das Missverständnis

Geht man dem Wort „nachhaltig“ auf den Grund, so findet man dazu zwei Bedeutungen, die so ähnlich sind, dass sie mitunter verwechselt werden: Der Duden definiert es einerseits als „(Ökologie) auf Nachhaltigkeit beruhend“ und dahinter steckt das „Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann“. Die zweite Bedeutung ist „sich auf längere Zeit stark auswirkend“, und da begegnet uns das Wörtchen oft, obwohl es gar nichts mit dem Prinzip zu tun hat: Etwa, wenn sich das Wetter im Herbst nachhaltig verschlechtert oder wenn die Börsenkurse nachhaltig steigen…
Achte mal darauf, ob du jedes Mal auf Anhieb entscheiden kannst, welche Bedeutung dahinter steckt, wenn dir der Begriff Nachhaltigkeit begegnet.

Versuch 5: Kurz und knackig

Da bei den vielen Definitionen noch keine dabei ist, die gut im Gedächtnis bleibt, biete ich dir noch zwei weitere:

  • Heute nicht auf Kosten von Morgen, hier nicht auf Kosten von Anderswo
    (aus Martin Kleen und Gregor Wöltje: Grün, schlau, sexy)
  • Gut leben und gut leben lassen
    (Quelle unbekannt)

So, und nun bist du gewiss bereit, mit einem Satz die Frage zu beantworten: „Was ist eigentlich Nachhaltigkeit?“ wie die Menschen in diesem Video:

Was ist eigentlich Nachhaltigkeit?

Und wenn du eine andere gute Erklärung in einem Satz hast, dann lass sie mich bitte wissen!

Über Vera Besse
Vera Besse ist Vorstand von SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil. Das 21. Jahrhundert erfordert einen neuen Lebensstil – einen Lebensstil, der Solidarität und Ökologie ernst nimmt. Denn auch die Benachteiligten bei uns und in anderen Ländern und die Menschen künftiger Generationen haben ein Anrecht auf ein erfülltes Leben in einer intakten Umwelt.
Dieser Beitrag wurde unter Pioniere, Zukunft abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
  • Nachhaltig ist etwas, das auf Dauer möglich ist. Was fehlt bei dieser Definition? Was ist daran kompliziert?

    Schwierig wird es, wenn man im Begriff der „Nachhaltigkeit“ auch ganz andere Dinge wie z. B. Gerechtigkeit („hier nicht auf Kosten von Anderswo“) unterbringen möchte. Ich halte es für nützlicher, einen scharfen, eng gefassten Begriff zu haben, der im Wesentlichen aussagt, dass man von den Zinsen, aber nicht vom Kapital leben soll.

    Der ökologischen Fußabdruck gibt anschaulich wieder, wie viele Planeten die Menschheit brauchen würde, wenn sie die Ersparnisse der Erde (insb. fossile Energie) unangetastet ließe. Die Menschheit lebt also nachhaltig, wenn sie maximal die Erträge eines Planeten verkonsumiert. (Wie ungleich der Konsum verteilt ist, das ist meines Erachtens – wie gesagt – eine andere Frage.)