Nachhaltigkeit in der Wirtschaft – Marketing-Konzept oder Weltenwende?

Quelle: Dreamstime.com ©Dana Rothstein

„Nachhaltigkeit bedeutet, die Bedürfnisse der heutigen Generation zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten der zukünftigen Generation, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, auf‘s Spiel zu setzen.“ So wird der 1987 erschienene, hunderte Seiten starke Bericht „Our Common Future“, besser bekannt als „Brundtland-Bericht“, gerne zusammengefasst. Ihm wird die Popularisierung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ zugeschrieben (Definition Nachhaltigkeit).

Das ursprünglich aus der europäischen Forstwirtschaft stammende Konzept „Nachhaltigkeit“  meinte zwar das richtige, ist in den letzten 25 Jahren aber zu einem hohlen Schlagwort verkommen. Heute sind auch Aktienkurse nachhaltig, wenn sie nur nachhaltig genug steigen. Und selbst Ausbeutung, wenn sie nur lange genug geschieht, wirkt nachhaltig.

Wesentlich aussagekräftiger ist da der Begriff „Zukunftsfähigkeit“. Dieser im Prinzip sinngleiche Begriff offenbart seinen Unterschied erst bei der Verneinung:

„Nicht nachhaltig“ ist als allgemeine Beschreibung unserer Aktivitäten oft verwendet und wenig abschreckend. „Zukunfts-unfähig“ dagegen weist auf des Pudel‘s Kern.

Wir sind nicht gerüstet für die Zukunft!

Das sollte alarmierend sein!  Denn, Umwelt und Gerechtigkeit hin oder her, gerüstet für die Zukunft wollen die meisten sein. Sind sie aber nicht!

Weder unsere Lebensstile, noch die Politik, schon  gar nicht die Unternehmen sind gerüstet für die Zukunft. Jede Extrapolation bestehender Trends nähert sich asymptotisch dem Unsinnigen.   Ohne grundsätzlich neue Ideen sind wir zukunfts-unfähig.

„Nachhaltigkeit“ ist damit heute fast immer ein Etikettenschwindel zur Rechtfertigung einer auf Konkurrenz und Ausbeutung basierenden Wirt­schaft, die nicht mit den Grenzen des Planeten umgehen will – also inhärent zukunfts-unfähig ist.

Beim oberflächlichen Zitieren der Brundtland-Formel durch internationale Unternehmen wird völlig übersehen, dass „die Wirtschaft“ nicht einmal in der Lage ist, die Bedürfnisse der heutigen Generation zu befriedigen. An die 100 000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger und seinen unmittelbaren Folgen. Jean Ziegler nennt diese Tragödie zu Recht „Mord“, denn zum Essen gäbe es genug für alle.

Leider ist es dem Markt nicht möglich, die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen, sondern lediglich, deren Kaufkraft zu bedienen. Ohne Kaufkraft keine Produkte – Bedürfnisse hin oder her. Unser aktuelles Wirtschaftssystem kann eines am Besten – Güter dort verkaufen, wo sie den höchsten Profit bringen.

In einer Welt, in der die Kaufkraft unverschämt ungleich verteilt ist (1/4 der Menschheit verfügt über gut zwanzigmal so viel Kaufkraft wie die restlichen 3/4 aller Menschen), ist eine Gleichverteilung von Waren und Dienstleistungen ausgeschlossen. Dies schließt aber die Mehrheit der Menschen nicht vom entbehrlichen Massenkonsum von „Luxusgütern“ aus, sondern vielmehr von der Versorgung mit überlebensnotwendiger Nahrung, Wasser, medizinischer Versorgung und Bildung.

Der beharrliche Glaube an unser Wirtschaftssystem und das Festklammern daran, wird spätestens dadurch zum Irrglauben bzw. Wahn(sinn)!

Befriedigen wir doch unsere Bedürfnisse – Kaufkraft hin oder her…

Über Wolfgang Pekny
Wolfgang Pekny, Jahrgang 1956. 1975 bis 1982 Studium der Chemie und Biologe an der Universität Wien. 82-87 Dissertation über evolutionstheoretische Fragen an Tiefseemollusken. Zugleich ab 1974 im Umweltschutz engagiert; theoretisch, politisch und aktivistisch. 1987 -2008 hauptberuflich für Greenpeace als Kampagnenleiter, Querdenker und Think-Tank in führenden Positionen national wie international tätig. Spezialist für Biodiversität, „global commons“, Völkerrecht, Ökobilanzen, Ökologischer Fußabdruck und „Fair Future“. Seit 2007 Geschäftsführer der von ihm begründeten Plattform Footprint und Obmann der „Initiative Zivilgesellschaft“.
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