Was ist eigentlich öffentlicher Raum?

uno city vienna

Was wäre, wenn der öffentliche Raum für das Leben, für die Menschen gestaltet wäre? Kommen Sie mit mir und träumen Sie mit.

Ein Sommer-Tagtraum

Manchmal, wenn ich durch die Stadt schlendere, fantasiere ich, wie die Stadt aussehen könnte, wenn sie richtig einladend gestaltet wäre:

Ein herrlicher Sommernachmittag, an Picknickbänken sitzen Menschen; essen, trinken, lesen und tratschen. In einer Hängematte liegt ein Mann und schläft, auf seinem Bauch liegt ein Buch, bei dessen Lektüre er ins Träumen geraten ist. Das Buch hat er aus dem offenen Bücherschrank genommen, bei dem gerade eine Frau einen Stapel Bücher einräumt. Sie möchte diesen Büchern ein neues Leben schenken: Gelesen zu werden von anderen Menschen statt zu Hause im Regal Staub anzusetzen.

Für Jugendliche bietet ein Baumhaus zwischen den stattlichen Platanen Platz, um sich alleine zu treffen und  ein wenig zurückgezogen zu chillen. Die Leiter ist so gestaltet, dass sie für Kinder nicht verwendet werden kann, um klar zu machen: Das ist kein Kinderspielplatz.

Ein öffentlicher Garten links auf dem Platz lädt die vorbeigehenden Menschen ein, zu verweilen und ein paar von den reifen Himbeeren zu pflücken oder doch mit der umherstehenden Gießkanne die Paprikapflanzen zu gießen. Der öffentliche Brunnen unweit eignet sich dazu, um die Gießkanne aufzufüllen und den Sand in der nahen Sandkiste in feine Matsche-Pampe zu verwandeln.

Einige Kinder spielen in der Sandkiste, die eine Besonderheit aufweist: auf der Seite ist eine Box angebracht, in die abends das gemeinsame Sandspielzeug geräumt wird. So hat jedes Kind, das vorbeikommt, eine Schaufel, einen Kübel oder einen Bagger, um im Sand damit zu spielen. Und kein Vater braucht beim Gang zum Spielplatz Sorgen zu haben, ob er ohnedies alles eingepackt hat für die vielfältigen Aktivitäten, und Mutter kann beim Heimkommen nicht schimpfen, dass er entweder unterwegs wieder etwas verloren hat oder das Sandspielzeug nicht ausreichend vom Sand gereinigt hat, bevor er es in den Kasten zurück geräumt hat.

Der Brunnen ist natürlich auch für Erwachsene da, zum Füße baden oder Papierschiffe segeln lassen, und kein Verbotsschild stört die vielfältigen Aktivitäten, die einem rund ums Wasser einfallen.

Doch dann wird es plötzlich zu viel Wasser: Ein Wolkenbruch verwandelt den öffentlichen Raum in eine öffentliche Dusche. Alle flüchten vor dem Regenguss, doch nicht nach Hause. Denn die großzügige Überdachung über einem Teil des Platzes ermöglicht auch einen Aufenthalt im Freien, wenn es gerade regnet. Eine Mutter hat ein Kinderbuch aus dem offenen Bücherschrank geholt und liest ihrem Kind vor, doch auch die anderen wollen mithören, und so ergibt sich spontan eine Lesung von der Zirkusvorstellung von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer vor dem kaiserlichen Palast  in Mandala.

Urban Gardening

Eine Frau, die gerade Paradeiser im öffentlichen Garten gepflückt hat, bietet einem – nun „arbeitslosen“ –  Vater einen an. Sie kommen ins Gespräch und erinnern sich an die Zeiten, als öffentlicher Raum noch nicht ganz so selbstverständlich von allen genutzt wurde:

Die Wartezonen der öffentlichen Verkehrsmittel waren meist so gestaltet, als wäre es mit den Lokalen der Umgebung abgesprochen und stünde das Raumkonzept unter dem Motto: „Möchtest du wirklich bequem sitzen, dann geh ins Café vis-a-vis und kaufe dir einen Latte Macchiato um 5 Euro.“

Manche Plätze waren so gestaltet und ausgestattet, dass das Sitzen nicht ganz so bequem und das Liegen nahezu unmöglich wird, um ja nicht zu einladend zu wirken auf die Menschen, die tatsächlich diesen Raum benötigen, weil sie entweder tatsächlich auf der Straße lebten oder zu Hause aufgrund von Armut zu wenig Platz hatten.
Und dann die Bedrohungen für den öffentlichen Raum: knappe öffentliche Budgets, die die Pflege des öffentlichen Raumes zum teuren Vergnügen machten, kombiniert mit den Verlockungen der Privatwirtschaft: Raum in Fußgängerzonen etwa, der für Terrassencafés genutzt wird, bringt der Gemeinde Geld aus der Vermietung statt Kosten für die Reinigung.

Schlechtwetter oder die kalte Jahreszeit war die Zeit, in der Einkaufszentren zu den wenigen – zumindest halböffentlichen – Räumen zählten, in denen Jugendliche sich außerhalb der elterlichen Wohnung treffen konnten. Der Aufenthalt dort verpflichtete zwar nicht zum Kauf von Waren, doch er ermutigte sehr stark dazu.

Und der größte Flächenverbrauch im öffentlichen Raum wurde anno dazumal den Stehzeugen zugestanden: Die sogenannten Fahrzeuge, die den größten Teil des Tages ja herumstanden, brauchten pro Stück etwa acht bis zehn Quadratmeter, und es war von allen vollkommen akzeptiert, dass jede/r AutobesitzerIn diesen Platz einfach für sich beanstanden durfte.

Doch es regte sich Widerstand, um zur lebendigen Zukunft zu kommen

Aktionen wie „Kurzpark.at“, wo Menschen einen Kurzparkschein lösen und mit Rollrasen, Liegestühlen und Picknick einen Autoparkplatz für ein paar Stunden in einen Park verwandeln.

…oder autofreie Tage europaweit, und die fairkehrten Fest In Salzburg, wo ganze Hauptstraßen für Spiel und Spaß gesperrt wurden (http://www.fairkehr.net).
…oder Guerilla GärtnerInnen, die überall die Städte bepflanzten (http://ggardening.blogsport.eu).

…oder die Wanderbaumallee in München, wo einige Bäume in großen Blumentöpfen einen Straßenzug für wenige Wochen in eine Allee verwandeln. Dann zieht die Wanderbaumalle gemeinsam mit einer Sambatruppe um in die nächste graue Straße. Zurück bleibt die Vision der Machbarkeit für die AnrainerInnen und oft der gestärkte Wille, die Hürden der Behörden für eine Baumpflanzung zu überwinden.

..und was hier noch fehlt, ist deine Idee für eine bessere Zukunft des Öffentlichen Raums!

Über Vera Besse
Vera Besse ist Vorstand von SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil. Das 21. Jahrhundert erfordert einen neuen Lebensstil – einen Lebensstil, der Solidarität und Ökologie ernst nimmt. Denn auch die Benachteiligten bei uns und in anderen Ländern und die Menschen künftiger Generationen haben ein Anrecht auf ein erfülltes Leben in einer intakten Umwelt.
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