Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit im Lebensmittelsektor?

Quelle: Dreamstime.com © Suto Norbert

Der Begriff Nachhaltigkeit wird heutzutage geradezu inflationär gebraucht. Oder sollte ich sagen MISSbraucht?

Trotz der häufigen Verwendung dieses Begriffs (oder gerade deshalb?), kann ein Großteil der Bevölkerung nichts damit anfangen. Warum ist das so? Ich möchte in diesem Artikel drei Aspekte aufführen, die meiner Meinung nach dafür ausschlaggebend sind.

Produkte können an sich nicht nachhaltig sein!

Nachhaltigkeit leitet sich aus dem Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ (Definition Nachhaltigkeit, Brundtland 1987) ab. Letzteres drückt aus, ob sich die Menschheit gesamthaft so entwickelt, dass „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.

Somit gibt es streng genommen nämlich so etwas wie die „Nachhaltigkeit eines Produktes“ gar nicht. Produkte können nicht „nachhaltig“ oder „weniger nachhaltig“ sein. Mit der „Nachhaltigkeit eines Produktes“ ist vielmehr gemeint, welchen Beitrag dieses Produkt zu einer nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft leistet. Daher wäre ich froh, wenn wir uns hin und wieder beim Gebrauch des Wortes Nachhaltigkeit der ursprünglichen Bedeutung bewusst werden. Dies ist keine linguistische Spitzfindigkeit sondern ein Aufruf, mit diesem wichtigen Begriff bewusster umzugehen.

Nachhaltigkeit ist schwer messbar

Ein zweiter Faktor für ein mangelndes Verständnis mag die Tatsache sein, dass Nachhaltigkeit ein Konstrukt aus vielen Komponenten ist. Für gewöhnlich wird Nachhaltigkeit in drei Säulen (Ökonomie, Ökologie und Soziales) aufgeteilt. Manche Ansätze sprechen auch von einer vierten Säule – der kulturellen. Aber woran macht man fest, ob und wie „ökologisch nachhaltig“ etwas ist? Meist werden Indikatoren, d.h. messbare Größen herangezogen, um diese abzubilden (bei den ZzU Produkten wurden z.B. die Klimagasemissionen, der Wasserverbrauch und die Effekte auf die Biodiversität ausgewählt.) Das Schwierigste ist dann zu entscheiden, ob das Produkt wirklich nachhaltig ist. Können Produkte, die auch nur bezüglich einer dieser Indikatoren schlecht abschneiden, noch als nachhaltig bezeichnet werden? Wo liegt die genaue Grenze zur Nachhaltigkeit? Kann ein Liter Milch, der 1 kg CO2-eq verursacht und für den eine erhebliche Menge an fossilen Energieträgern verbraucht wird, nachhaltig sein? Dies hängt nicht alleine von den Produktionsmethoden ab, sondern vom Kontext (d.h. wie viele Menschen bevölkern derzeit die Erde? Was würde sonst mit dem Grünland passieren?). Aber in dieser Komplexität sind diese Fragestellungen fachfremden Personen schwierig zu vermitteln.

Wirkliche Nachhaltigkeit ist schwer vorstellbar

Zudem ist es schwierig, heute ein Idealbild zu entwickeln, wie die Landwirtschaft und der Lebensmittelsektor aussehen müssten, damit diese wirklich dauerfähig sind.

Erstens, weil Nachhaltigkeit ein normatives Konzept ist, zu dem Menschen unterschiedliche Vorstellungen haben können.

Zweitens, weil die Frage was „nachhaltig“ ist, nicht statisch ist, sondern ein Nachhaltigkeitsleitbild sich verändert. Dies muss sein, damit wir uns auf zukünftige Herausforderungen anpassen können. Wäre beispielsweise das Problem des Klimawandels bisher unentdeckt geblieben, wäre der Indikator „Treibhausgasausstoss“ sicherlich kein essentieller Bestandteil zum Messen der Nachhaltigkeit.

Drittens, sprechen heute fast alle größere Firmen von Nachhaltigkeit, werden aber streng genommen dem oben genannten Leitbild kaum gerecht.

Fazit

Um das Unverständnis für Nachhaltigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung abzubauen, braucht es wahrscheinlich sehr viel Zeit. Aber wie kann man diesen Prozess beschleunigen? Ich bin der Meinung, dass es notwendig ist, den Begriff Nachhaltigkeit sauber zu definieren und konsequent so entsprechend zu gebrauchen. Mit einfachen und plastischen Beispielen könnte das Konzept leicht vermittelt werden. Nachhaltigkeit sollte ausschließlich für Prozesse verwendet werden, die den höchsten Ansprüchen an eine dauerfähige Produktion gerecht werden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die zunehmende Relevanz ihr übriges tut und für ein breiteres Verständnis sorgt. Initiativen wie die Nachhaltigkeitskampagne von Zurück zum Ursprung können einen Beitrag dazu leisten.

Die von der Welternährungsorganisation (FAO) veröffentlichten Leitlinien sind eine gute Grundlage um derartige Initiativen zukünftig auszurichten und vergleichbar zu machen.

 

Über Christian Schader/ Gastautor
Arbeitet am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) Schweiz zu den Arbeitsgebieten: Ökonomisch-ökologische Wirkunsanalyse von Landbausystemen Ökobilanzierung und Nachaltigkeitsanalyse von Nahrungsmitteln Politikevaluation
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  • Mario Sedlak

    Ja, der Begriff der „Nachhaltigkeit“ wird heute inflationär gebraucht bzw. missbraucht. Aber wieso ist es denn so wichtig, etwas, das „schwer messbar“ ist, „sauber zu definieren“? Kann das überhaupt funktionieren, ohne in endlose philosophische Debatten zu verfallen?

    Die Lösung wäre meines Erachtens, sich auf die Bewertung von relativen Unterschieden zwischen zwei Möglichkeiten zu beschränken: Bio-Milch ist (hoffentlich) nachhaltiger als konventionelle Milch. Hier können Ökobilanz-Vergleiche die Antwort geben. Je nach getroffenen Annahmen können die Vergleiche zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Annahmen können und sollen wir diskutieren. Eine einfache und definitive Entscheidung der Nachhaltigkeit nach dem Ja/Nein-Muster erscheint mir nicht machbar.

    Ob es sich ausgehen würde, die ganze Menschheit mit Bio-Milch oder Bio-Fleisch zu versorgen, ist natürlich eine andere, nicht weniger wichtige Frage, aber ebenso ohne philosophische Abhandlungen zu beantworten.

    Ich bin also dafür, den Werbefachleuten und anderen ihren Spaß mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu lassen. In der wissenschaftlichen Diskussion erscheint mir der Begriff eher überflüssig.