Etwas mehr als ein Ziel

Marchau

Vor genau 50 Jahren gab es diese herrlich alles gefrieren lassende Kälte. In den Häusern gefroren die Wasserleitungen, der Bodensee wurde zu einer Eisfläche, die Autos waren kaum noch in Betrieb zu nehmen, und unter die Autos mit Dieselmotor musste ein Heizgerät gestellt werden, sonst wäre nichts mehr gegangen.

Die Menschen rückten zusammen und halfen sich gegenseitig. Und obwohl die Probleme mit der Kälte zunahmen, entstand ein Enthusiasmus. Ein Enthusiasmus in der gegenseitigen Hilfestellung, ein Enthusiasmus die Unbillen des Alltags gemeinsam zu bewältigen.

Eisfläche © Isabell Riedl

Eisfläche © Isabell Riedl

Selbstverständlich gab es auch Lustmomente. Zu tausenden zogen die Menschen Richtung Bodensee und zwischen Bregenz und Lindau war auf dem Eis mächtig Betrieb. Kaum jemand hatte so etwas bis dahin erlebt und so wurde die Eisfläche zur Freudenfläche. Volksfeste fanden auf der Eisfläche statt. Kinder, wie behäbige Erwachsene tummelten sich auf dem Eis und verloren gänzlich ihre Steifheit. Es war ein Treiben, das die Herzen höher schlagen ließ, die das Leuchten in die Augen brachte und der Kälte ihren Stachel nahm. Wir befanden uns alle in einer einzigen Ausnahmesituation. Zum ersten Mal erlebte ich ein Kollektiv wunderbar enthusiasmierter Menschen.

Und seitdem weiß ich, dass der Enthusiasmus Berge versetzen kann.

Menschen ohne Passionen, Menschen, die ihr Leben, ihre Berufung ohne Enthusiasmus gestalten, machen mich traurig und misstrauisch.

Menschen, die sich nicht berufen fühlen, die keine Berufungen haben, Menschen, denen nicht das Herz im Leibe pocht, für das was sie tun, werden weder ihr Leben, noch ihre Lebenssituation verändern können.

Aber Leben heißt Veränderung.

In einem Leben ohne Enthusiasmus tut man das, was zu tun ist und keinen Deut mehr.

In so einem Leben geschieht nicht besonderes und aus so einem Leben wird nichts herausragendes mehr gemacht. Ein Leben ohne Zuwendung, ohne mitfühlende Anteilnahme.

Ein Großteil der Bauern, der Lebensmittelproduzenten hat sich in so ein Leben eingenistet. Unsicherheit und verdüsterte Zukunftsaussichten prägen dieses Leben. So kann es nicht verwundern, dass es kaum noch außerordentliche Lebensmittel gibt.

Etwas Besonderes zu schaffen, Enthusiasmus für den Nächsten, das Beste, das einem möglich ist, herzustellen, so ein Enthusiasmus täte uns Not.

Enthusiastisch sich einsetzende Menschen haben ein Manifest zur Neuausrichtung der Landwirtschaft geschrieben, es braucht mehr solcher Menschen.

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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