Teilen statt besitzen – Wasserprivatisierung & Co

Bei der derzeit hitzig geführten Diskussion rund um das Thema Wasserprivatisierung fällt vor allem ein grundlegender Aspekt auf: hier prallen zwei ideologische Welten aufeinander – öffentliches Gut vs. privates Eigentum. Während die einen Wasser ebenso wie Seen als unwiderrufliches öffentliches Gut betrachten, plädieren die anderen für eine „bestmögliche Verwertungsmöglichkeit“ öffentlicher Güter. Und diese Verwertung geschieht, so die Meinung vor allem vieler Wirtschaftstreibender, am besten durch die private Hand.

WaldviertelOb Wasser hierzulande rechtlich betrachtet überhaupt privatisiert werden kann, darüber sollen sich die Rechtsexperten den Kopf zerbrechen. Viel spannender ist eine ganz andere, nämlich grundsätzliche Frage: Warum müssen eigentlich Güter und Dienstleistungen generell immer privatisiert werden – also im Besitz privater Eigentümer stehen? Es würde doch ökonomisch viel mehr Sinn haben und zudem nachhaltiger sein wenn Güter gemeinsam genutzt und geteilt werden könnten. Nicht nur Wasser, auch Konsumgüter, Dienstleistungen, Produkte, Ideen…

„Sharing Economy“ lautet nicht nur das Schlagwort für eine neue Form des gemeinsamen Teilens von Gütern sondern beschreibt auch den Beginn einer neuen wirtschaftlichen Epoche. „Die Ära des Eigentums geht zu Ende, das Zeitalter des Zugangs beginnt,“ hat es der US-Ökonom und EU-Berater Jeremy Rifkin in seinem Buch „Access“ umschrieben. Wohnraum, Büros, Gemüsebeete, Autos, Fahrräder, Gartengeräte, Bekleidung, Bücher, Musik, Filme aber auch Ideen und Konzepte werden zunehmend geteilt und befristet genutzt. Weg vom derzeit geschützten Produkt hin zum öffentlichen Gut, das in der Gemeinschaft bewertet und weiterentwickelt wird. Nicht das Besitzen sondern der Nutzen eines Produktes steht im Vordergrund. Rifkin spricht dabei „vom Ende eines Konsumverhaltens, wie wir es bisher kennen“.

Von der Ich-Kultur zur Wir-Kultur lautet das Motto der sich besonders die junge Generation verstärkt zuwendet. Ist das Teilen und Tauschen von Geschäftskontakten, Informationen, Fotos, Filmen oder Musik auf virtuellen Plattformen wie Xing, Instagram, Youtube oder Spotify schon lange Gang und Gebe, so tritt der Gedanke des Tauschens und Teilens nun auch in die Realität. Statt Käufer ist man Nutzer. Märkte geraten zu Netzwerken. Wer sich Tausch- und Teil-Plattformen wie netcycler, whyown.it oder kleiderkreisel anschaut, wird rasch erkennen, dass hier aufgeschlossene Leute mit viel Spaß und Freude am (Aus-)Tausch zu Gange sind. Dabei geht es weniger um Verzicht als darum, nicht auf Dauer alles besitzen zu wollen. Das Besitztum hat an Stellenwert verloren, betont auch Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut.

Eigentumsloser Konsum und der Trend zu „Sharing-Modellen“ haben natürlich auch wirtschaftliche Hintergründe. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Zwänge und finanzieller Engpässe werden Tauschringe und Sharing-Plattformen zunehmend attraktiver. Wer Bekleidung und Bücher tauscht statt kauft, spart schließlich Geld. Wer sich das Werkzeug für den Wohnungsumbau ausleiht, spart Stauraum. Und wer Carsharing nutzt, erspart sich teure Erhaltungs- und Reparaturkosten beim Auto. Der Teil- und Tauschkultur kommt zudem noch entgegen, dass speziell junge Leute in Großstädten in ihren Nutzungsgewohnheiten sehr mobil und flexibel geworden sind. Sie streben weniger nach teurem Eigentum oder klassischen Statussymbolen, sondern vielmehr nach sozialen Kontakten und kommunikativen Austausch.

Die Teil- und Tauschwelten der sozialen Netzwerke im Internet verschmelzen zunehmend mit der Nutzung realer Güter, Produkte und Dienstleistungen. Sharing und Tauschen ist dabei grundlegendes Prinzip. Diese virtuellen Plattformen können nur deshalb funktionieren, weil Millionen Menschen gemeinsam kooperieren („Crowdsourcing“) und Ideen und Informationen austauschen. Wer da plötzlich von der „Privatisierung“ des öffentlichen Guts Wasser spricht, hat die Zeichen der Zeit mit Sicherheit nicht erkannt.

Weiterführende Links:

Petition gegen Wasserprivatisierung

 

Über Helmut Wolf
Rund 10 Jahre Chefredakteur des Magazins „pool – life & culture“. Ausgebildeter Corporate Social Responsibility (CSR)-Manager. Journalist und Autor im Bereich nachhaltiger Lebenskultur.
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