Muss die Wirtschaft ewig wachsen?

Hochhaus in Bau

Unbeschränktes Wirtschaftswachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich – zumindest wenn für dieses Wachstum immer mehr Energie, Rohstoffe, Flächen und andere materielle Ressourcen gebraucht werden.

Vorstellbar wäre ein grenzenloser Zuwachs an Wissen, Gedanken, Intelligenz, Freude usw., aber ein Wirtschaftswachstum, das ausschließlich auf so einem „gedanklichen“ Wachstum beruht, ist bisher leider Utopie geblieben: Eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch – im Sinne von mehr Gütern bei weniger oder maximal gleich viel Ressourceneinsatz – konnte bisher in keinem Land der Erde dauerhaft erzielt werden. Wir können schon froh sein, wenn die Umweltbelastungen weniger schnell als das Bruttoinlandsprodukt wachsen. Damit unsere Wirtschaftsweise nachhaltig wird, müssten die Belastungen allerdings sinken, denn wir verbrauchen heute schon weitaus mehr, als ein Planet auf Dauer bereitstellen kann!

Andererseits wird immer wieder behauptet, unser heutiges Wirtschaftssystem könne ohne Wachstum gar nicht fortbestehen. Diese Behauptung finde ich mehr als erstaunlich, denn die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte gab es kein nennenswertes Wirtschaftswachstum. Erst mit dem Beginn der Industrialisierung – und dem damit verbundenen Ausbeuten der fossilen Energievorräte – kam es zu einem fulminanten Anstieg der Wirtschaftsleistung, wobei die prozentuellen jährlichen Zuwächse allerdings bis heute immer kleiner wurden. Das System scheint also ohnehin auch unter den jetzigen Rahmenbedingungen einem Gleichgewichtszustand zuzustreben.

Zu der These, dass Kapitalismus nur mit laufendem Wirtschaftswachstum funktioniert, habe ich ein einfaches Gegenbeispiel: Nehmen wir eine überschaubare Volkswirtschaft, die nur aus zwei Teilnehmern besteht:

  1. Ein Unternehmer besitzt einen Backofen.
  2. Ein Arbeiter stellt damit täglich zwei Semmeln her.

Eine Semmel bekommt der Unternehmer, eine der Arbeiter als Lohn. Warum soll das nicht auf ewig so weitergehen können?

Gut, Unternehmer und Arbeiter sind vielleicht nicht auf Dauer mit einer Semmel pro Tag zufrieden und werden nach Möglichkeiten suchen, mehr Gebäck in der gleichen Zeit herzustellen. Womöglich wollen sie auch noch Butter und Marmelade dazu. Das sind alles verständliche Gründe, warum es zu Wachstum kommen könnte – aber mit dem Kapitalismus an sich haben sie nichts zu tun.

Vielmehr scheint das andauernde Streben der Menschen nach mehr materiellem Wohlstand der Grund für das andauernde Wirtschaftswachstum zu sein.

Die gestiegene Produktivität bzw. das gestiegene Einkommen könnten wir dafür nutzen, weniger zu arbeiten. Doch die meisten Menschen bevorzugen eine höhere Kaufkraft gegenüber mehr Freizeit.

Wenn ihre Kaufkraft z. B. aufgrund von Inflation schwindet, fordern sie vehement einen Ausgleich. Dieser ist am bequemsten durch ein Wirtschaftswachstum zu finanzieren.

Auch zur Armutsbekämpfung kann man am besten die jährlichen Zuwächse umverteilen. Ohne Zuwächse müsste die Kaufkraft mancher Bevölkerungsgruppen tatsächlich und deutlich sichtbar sinken, wenn die Armen reicher werden sollen. Das würde massive Proteste und soziale Spannungen auslösen.

In den Wachstumszwang bringt uns nicht das System sondern wir uns selbst, weil wir scheinbar niemals zufrieden sind, auch wenn wir uns schon x-mal so viel leisten können, wie es unseren Großeltern zu ihrer Zeit möglich war.

Ich bin mir bewusst, dass ich mit meiner ungewöhnlichen These noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten habe und lade alle ein, mit mir darüber zu diskutieren. Lest auch den Beitrag des renommierten Volkswirts Gunther Tichy zu dem Thema! Der Beitrag entstand bei einer Veranstaltung des „Forums Wissenschaft & Umwelt“ im Jahr 2009 und trifft meines Erachtens den Nagel auf den Kopf. Seltsamerweise scheinen die dort vorgebrachten Argumente in der Gruppe der Menschen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, vollkommen unbekannt zu sein. Ich möchte sie hiermit in die Szene einbringen, denn nur wenn wir die wahren Gründe kennen, die einer nachhaltigen Welt entgegenstehen, können wir uns daranmachen, sie zu beseitigen.

Tichy kritisiert übrigens auch – meines Erachtens zu Recht –, dass es zwar viele Autoren gibt, die über Probleme und anzustrebende Lösungen schreiben, aber nur wenige, die einen gangbaren Weg aufzeigen, wie diese Lösungen in einer Demokratie Wirklichkeit werden könnten. Nichts weniger als ein Kulturwandel ist nötig!

Ich bin überzeugt, dass es auf die kleinen Schritte der Nachhaltigkeit im eigenen Leben ankommt. Sie sind meines Erachtens eine geradezu unabdingbare Voraussetzung dafür, dass unsere Gesellschaft zukunftsfähig werden kann. Eine große Lösung von „oben“ – gegen den Willen von „unten“ – wird nicht kommen. Vielmehr müssen mutige Pioniere vorangehen, sodass sich immer mehr Mitmenschen trauen, mitzugehen!

Über Mario Sedlak
1975 in Wien geboren, 2000 Abschluss des Studiums der Technischen Mathematik an der TU Wien, seit 2008 Fachexperte in der Stromwirtschaft
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