Was ist eigentlich das Auto und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun?

Nun nach über hundert Jahren Auto, brauche ich wohl nicht zu erklären, was es ist, und doch möchte ich erläutern, was es uns bedeutet. Vorneweg sollte ich meinen persönlichen Standpunkt kundtun: Ich fahre nicht gerne Auto, weder lenke ich gerne, noch mag ich es, gefahren zu werden – ich liebe es, in Zügen unterwegs zu sein.

Ich sehe es, das Auto daher durchaus als praktisches Transportmittel, doch diese emotionale Begeisterung, die manche ZeitgenossInnen überfällt, wenn die Rede aufs Auto kommt, wirkt auf mich eher befremdlich als mitreißend. Infolgedessen leiste ich als Stadtbewohnerin mir den Luxus, kein Auto zu besitzen.

Zur Geschichte: Automobil – zu Deutsch „selbst unterwegs“, das war natürlich eine tolle Erfindung, deren Anfänge meine Großeltern in ihrer Jugend noch selbst erlebt haben. Kutschpferde waren aufwändig, und im direkten Vergleich dazu war natürlich eine selbstfahrende Kutsche toll. Spannend finde ich, dass in der deutschen Abkürzung das „Selbst“ übrig blieb und nicht das „unterwegs“ sein. Vielleicht erklärt sich dadurch die Engelsgeduld, mit der sich die Menschen in einen Stau stellen. Sehr bald wurden wir eine Nation der AutofahrerInnen, die AutofahrerInnen wurden in einer Kampagne vom ÖAMTC als „Melkkühe der Nation“ bezeichnet, und keine Regierung, die nur ein Fünkchen Wunsch nach Machterhalt in sich spürte, wagte es, Gesetze oder Regelungen zu entwickeln, die sich gegen das Auto oder das Autofahren wendeten. Noch heute merke ich, wie sehr das Auto mit dem Selbst verwachsen ist. Spricht man Menschen auf die Unsinnigkeit eines Autos – beispielsweise in der Stadt – darauf an, so setzen die Logikschaltkreise aus: Die kranke Schwiegermutter wird ins Rennen geführt, die man ja jederzeit ins Spital bringen können müsste, der Kontrabass spielende Sohn und natürlich die berühmte Bierkiste, die offensichtlich einige Runden im Kofferraum drehen muss, um vor dem Genuss erst den richtigen Geschmack anzunehmen.

Die Alternative von öffentlichen Verkehrsmitteln ist keine: So sind Öffis als teuer bekannt, selbst wenn in Wien ein Garagenplatz im Monat so viel kostet wie zwei Monatskarten. Und da ist noch kein Benzin dabei, kein Parkschein für andere Bezirke, von Versicherung, Reparaturen oder der Anschaffung gar nicht zu reden.

Für sehr, sehr Mutige: Berechnen Sie  die tatsächliche Geschwindigkeit Ihres Autos mit der Formel Weg durch Zeit. Nehmen Sie als Zeit nicht jene an, die Sie am Lenkrad verbringen, sondern jene Zeit, die Sie brauchen, um das Geld für Ihr Auto zu verdienen.

Am besten geht das in Geld:

Rechnen Sie mal aus, wie viel Sie der Kilometer tatsächlich kostet (und nicht nur das Benzin, Links wie http://www.autokosten.org/kfz-vergleich.php helfen). Als zweiten Schritt rechnen Sie Ihren Stundenlohn aus, das kann auch ein Augenöffner sein. (Die einfache Faustformel (Monatslohn *1,67) / (Wochenstunden *4,2) gibt ein Ergebnis, das sehr nahe an der Wahrheit liegt.

Wenn Sie wirklich ehrlich sind bei dieser Berechnung (und nicht Bill Gates heißen), so werden Ihnen die Tränen kommen. Je nach Automarke und Monatsgehalt prophezeie ich Ihnen schnelle Schrittgeschwindigkeit bis gemütliches Radfahrtempo! (Diese Art der Berechnung stammt von Ivan Illich, sie ist nur leider noch sehr unbekannt, obwohl schon Jahrzehnte alt: http://www.52wege.de/fahrr%C3%A4der-sind-schneller-als-autos)

Doch Autos sind in Europa ein unglaublicher Wirtschaftsfaktor, es gibt Berechnungen, nach denen indirekt jeder zweite Arbeitsplatz von der Autoindustrie abhängt! Jeder zweite, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da wundert es natürlich nicht, dass darbende Absatzzahlen sofort mit einer Abwrackprämie gestützt werden.

Und da sich herumgesprochen hat, dass Autos die Luft verpesten, schlagen die Autokonzerne mit Greenwashing zurück: Bei so mancher Werbung könnte man fast glauben, das sind fahrende Feinstaub-Absorbierer, die nebenbei auch noch Sitzplätze für Menschen anbieten. Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass in der Autowerbung nahezu kein Verkehr zu sehen ist: Cruisende Menschen auf einsamen Landstraßen oder innerstädtisch so dicht, wie es in den 50er-Jahren der Realität entsprochen hat…

Und die Zukunft des Automobils? Neben dem Klimawandel – in Österreich trägt der Verkehr zu 19% zum CO2-Ausstoß bei – geht das Öl zur Neige. Agrotreibstoffe („Biodiesel“) sind eine Lösung, aber keine gute: Nicht klimaneutral, nicht ökologisch und schon gar nicht sozial verträglich, was sich unter dem Slogan „Teller vor Trog vor Tank“ zusammenfassen lässt (Sogar der ARBÖ ist jetzt schon dagegen…  http://derstandard.at/1319183129516/Widerstand-gegen-E10-Tanke-Mais-um-keinen-Preis). Bliebe die Elektromobilität, in die manche ihre Hoffnungen setzen: Einerseits ist diese Mobilität nur dann nachhaltig, wenn der Strom aus erneuerbaren Energiequellen kommt, also echter Ökostrom ist. Und es hat sich bisher noch niemals eine Technologie durchgesetzt, die weniger konnte als die Technologie, die sie ersetzen sollte. Auch wenn sie von kaum jemandem tatsächlich täglich ausgereizt wird – siehe Logikschaltkreise oben – sind Elektroautos mit 50 bis 80 km Reichweite nur an eine Minderheit der Menschen verkäuflich. Schließlich könnte ich ja plötzlich spontan Lust bekommen, von Wien nach Salzburg auf einen Kaffee zu fahren…
Das wahrscheinlichste Szenario ist also, wir alle kaufen uns ein Elektroauto – als Drittauto für die kurze Strecke, die wir bequem zu Fuß oder mit dem Radl bewältigen könnten.

Über Vera Besse
Vera Besse ist Vorstand von SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil. Das 21. Jahrhundert erfordert einen neuen Lebensstil – einen Lebensstil, der Solidarität und Ökologie ernst nimmt. Denn auch die Benachteiligten bei uns und in anderen Ländern und die Menschen künftiger Generationen haben ein Anrecht auf ein erfülltes Leben in einer intakten Umwelt.
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