Rettet die Hörner! – Gegen Enthornung der Kälber

Horntragende Kuh

Das Horn ist ein Körperteil jedes rinderartigen Wiederkäuers, wie zum Beispiel Rindern, Ziegen und Schafen. Strukturen, die keinen Selektionsvorteil haben und nur Energie kosten, bilden sich im Laufe der Evolution zurück. Kühe tragen aber auch heute noch Hörner.

Was ist so wichtig am Horn? Warum ist die Enthornung von Rindern ein Eingriff in die Integrität der Tiere?

Der Demeterbund schlägt Alarm. Bald gäbe es keine Rinder mit Hörnern mehr, obwohl das Enthornen schmerzhaft, schädlich ist und die Tierwürde verletzt.

Wien, 22.7.13, PUR – Demeterbund: Rettet die Hörner!

Wie werden Kälber enthornt?

Die Enthornung von Rindern und Ziegen ist weltweit verbreitet: in Österreich werden
fast zwei Millionen Kühe gehalten, rund 84 % davon haben keine Hörner mehr. Die
Enthornung bei Jungtieren hat im letzten Jahrzehnt rasant zugenommen, auch in Bio– Betrieben, obwohl dadurch großes Tierleid verursacht wird. Das Ausbrennen der Hornanlagen ohne Anästhesie – wie es bei Kälbern in den ersten 2 Wochen erlaubt und verbreitet ist – verursacht massive Schmerzen. Auch Wundheilungsstörungen sind häufig.

Wenn die Tiere enthornt leben müssen, verändert sich außerdem das Sozialverhalten, denn die Hörner dienen dem Imponiergehabe: „Konflikte werden häufiger mit Körperkontakt ausgetragen, da der gegenseitige Respekt geringer ist“, erklärt Prof. Susanne Waiblinger, Tierhaltungsforscherin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Verträglichere Milch bei behornten Kühen

Der Demeterbund verbietet die Enthornung von Kühen. Und das obwohl in der biologischen Landwirtschaft hornlose Rinder erlaubt sind.

Das hat mehrere Gründe. Demeter hat festgestellt, dass die Milchqualität sich mit der Hornamputation verändert. Bildgebende Untersuchungen legen nahe, dass die Milch von Demeter-Rindern weniger Allergene aufweist, und für laktoseintolerante Personen verträglicher sei, ähnlich wie bei nativer Heumilch. Auch Blut- und Milchanalysen von Kühen mittels bildgebender Verfahren offenbaren vermehrt degenerative Prozesse.

Eine Dissertation der Universität Kassel zeigt zudem deutliche Veränderungen des Blutes der Tiere. „Abseits von Argumenten wie der Milchqualität geht es uns vor allem um den Respekt vor der Integrität des Tieres“, ergänzt Herbert Lang Demeterbauer aus Rohrbach im Mühlviertel.

Warum ist Enthornung heute üblich?

Laufstall horntragende KüheDie Enthornung liegt u.a. in der zunehmenden Umstellung auf Laufställe begründet, was an sich positiv ist. Laufstallhaltung von Tieren mit Hörnern ist jedoch anspruchsvoller. „Die Haltungsumgebung sollte den Bedürfnissen der Tiere angepasst werden, derzeit ist dies leider häufig nicht gegeben“, erklärt Prof. Waiblinger. Auch sollen die Tierhörner das Unfallrisiko für den Menschen erhöhen, doch das stimmt nur bedingt: „Studien zeigen, dass die Haltung behornter Milchkühe im Laufstall ohne übermäßiges Verletzungsrisiko möglich ist. Die Unfallgefahr hängt vielmehr von der Qualität der Mensch-Tier-Beziehung ab“, so die Wissenschaftlerin.

Kuhhörner unterstützen auch Verdauung

Hörner sind für den Stoffwechsel der Kuh wichtig und unterstützen die Verdauung:
Die Kuhhörner werden spürbar wärmer, während die Kuh wiederkäut. Der Kopfbereich hin zum Hornzapfen ist stark durchblutet und mit Nerven durchsetzt.
Beim Wiederkäuen kommen Gase hoch, diese dringen in die Stirnhöhlen bis zu den
Enthornte KuhHornzapfen. Ohne Hörner ist die Verdauungskraft eingeschränkt, sodass Milch und Mist (als Dünger) schlechtere Qualität haben.

Bei enthornten Rindern wächst das Stirnbein höher, anscheinend versucht so der Körper den Verlust des Hornes auszugleichen.

„Wenn die Kuh ihre Hörner behalten darf, behält sie ihre Würde. Uns ist es wichtig, dass Tiere artgerecht gehalten werden und jene Milchqualität produziert, die dem Menschen gut tut“, sagt Andreas Höritzauer von Demeter Österreich.

Demeter ist heute ein weltumspannender Bio-Verband. Die Richtlinien des biodynamischen Landbaues (Demeter) gelten als die umfassendsten und strengsten weltweit. Weltweit werden rund 120.000 ha nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet. Mit 67.000 ha hat Deutschland den größten Anteil an Demeter-Flächen, gefolgt von Ungarn, Frankreich, Italien und Indien. In Österreich bewirtschaften 177 Betriebe 5.600 ha.

Weiterführende Links:

Manifest zur Neuausrichtung der Landwirtschaft

Blog-Parade zum Welttierschutztag

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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  • Stefan | Tierheimhelden

    Danke für die Teilnahme! : )

  • die_Waldviertlerin

    Bestimmt sind viele der oben genannten Argumente (Blutwerte, Milchqualität, usw) richtig und dagegen habe ich keinerlei Einwände. Das sind messbare und vergleichbare Parameter.
    Doch gebe ich zu bedenken, dass es auch Rassen gibt die genetisch hornlos sind.
    Die Bewegung insgesamt ist Lobenswert doch was ich mich in Bezug auf diese Diskussion immer frage ist: Wer hat es schon einmal miterlebt, wenn eine Kuh mit den Hörnern den Bauern an der Luftröhre oder im Genitalbereich verletzt? Die Kuh ist prinzipiell sofern sie den Menschen noch gewöhnt ist (extreme extensive Haltung ohne menschlichen Bezug ausgenommen), ein friedliebendes Wesen, dass diese Verletzungen nicht absichtlich herbeiführt. Diese geschehen eher unabsichtlich. Aber ich möchte denjenigen sehen, der auf diese Weise verletzt wurde und weiterhin auf seinen Bauernhof angewiesen ist und der dann nicht versuchen würde das Risiko für seine Frau, die Kinder und sich zu minimieren.
    Da jetzt sicherlich noch das Argument eines großzügigen Umbaus der Aufstallungen im Raum steht: Dazu ist zu sagen, dass es vielen kleinen Bauern, die ihren Hof heute nur mehr im Nebenerwerb führen können einfach auch nicht möglich ist tausende von Euros in einen neuen Stall zu investieren. Vom nötigen Bauplatz abgesehen. Natürlich wäre das Aufgeben der Landwirtschaft eine Alternative. Doch dies ändert die oben angeführte Situation kaum. Die Flächen werden nur von großen Vollerwerbsbauern übernommen. Deren Wirtschaftsweise sieht in den aller seltensten Fällen eine Haltung von Tieren mit Horn vor.

    • Ist es nicht möglich, die Hörner mit einem Schutz gegen Verletzungen zu versehen, anstatt sie gleich zu amputieren?

      Die genetisch hornlosen Rassen könnten meines Erachtens auch eine Alternative sein, werden aber wahrscheinlich bei anderen Eigenschaften Nachteile haben, da die üblichen, optimierten Zuchtlinien Hörner haben und man mit konventioneller Zucht wohl schwer beides zugleich optimieren kann (keine Hörner und Sonstiges wie z. B. Ertrag oder Gesundheit).

  • Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es Erfolge gibt und deutlich weniger Kälbern die Hörner genommen werden. Und wenn sich ein Betrieb einbildet es doch machen zu müssen, dann sollte es nur mit entsprechender Betäubung durchgeführt werden dürfen. Ohne Ausnahme! Generell ist zu sagen, dass es derartige Eingriffe – Kastration von Schweinen ohne Narkose, oder das Enthornen oder andere Massnahmen die Schmerz und Leid zufügen, es keine Argumente dafür geben kann! Nie, nie, niemals. Sonst würde es auch viele Argumente geben, die es zulassen würden, dem Menschen ähnliches angedeihen zu lassen. Es ist einfach nicht zu verstehen und manchmal ist man sehr erstaunt über derartiges zu hören oder zu lesen. Wie abartig und wiederlich ist die menschliche Kreatur um Ausreden und Argumente für Profit und Ausbeutung zu finden.

  • Anton V Müller

    Wie wärs mit bioveganer Landwirtschaft, statt mit Tierqualwirtschaft? Um etwas anderes handelt sich nicht. Die Tiere werden misshandelt, geschreddert oder anders zu Tode gebracht, auch die Tötung in Schlachthäusern ist schmerzvoll und grausig. Von daher sind diese Diskussionen, ob man den Tieren Körperteile wegfoltert nur für Tierquäler wichtig.

  • Alexander Grunnar

    Wer von Ihnen ist Praktiker oder mit einem solchen im Austausch? Habe in meiner größeren Kuhherde versucht auf das enthornen zu verzichten. Selbst bei unserem überaus großzügigen Stall kam es zu üblen Verletzungen der Tiere untereinander bei Rangordnungskämpfen, Futterneid und in der Brunst. Soviel zu dem „imponiergehabe“ der Tiere untereinander. Von der Gefahr für den Landwirt mal ganz abgesehen ist das schlicht nicht praktikabel. Aber da alle Kommentatoren ja ganz bestimmt beim Einkauf ihrer Milchprodukte zukünftig mehr investieren und auf die Herkunft achten, wird der Markt sich ja von alleine Regeln und in Zukunft keine Milch mehr von Enthornten Tieren mehr angeboten werden :-) Da bin ich doch mal gespannt……