Die ungeschminkte Realität jenseits der Romantik – Kommentar zu Artikel in den Salzburger Nachrichten

Werner Lampert liest Zeitung

Kommentar und Kritik zum Artikel vom 21.8.2013 Salzburger Nachrichten, von Hans Gmeiner, Jenseits der Romantik

Lieber Herr Gmeiner,

die ungeschminkte Realität jenseits der Romantik!

Eines ist die Idylle, die es in der Landwirtschaft in der Tat kaum mehr gibt, ein anderes ist die gelebte Wirklichkeit der konventionellen Landwirtschaft. Aber ich will hier nicht über die konventionellen Bauern und ihre Arbeit, sondern über das System der industriellen Landwirtschaft reden. Diesem System werden viele konventionelle Bauern zum Opfer fallen.

Reduzieren wir den Begriff industrialisierte Landwirtschaft nicht auf die Fläche, sondern betrachten wir die Methoden, hat gerade die österreichische Landwirtschaft einen gewaltigen Sprung in Richtung industrialisierte Landwirtschaft gemacht. Die industrialisierte Landwirtschaft zerstört systematisch ihre Lebensgrundlage und, wie oben schon angesprochen, auch ihre Bauern. Und diese Landwirtschaft wird uns in den nächsten 20-30 Jahren nicht mehr ernähren.

Der Versuch die konventionelle Landwirtschaft zu ökologisieren ist völlig gescheitert. Ohne die systematische Zerstörung der Regenwälder Brasiliens, Argentiniens, Paraguays etc. gäbe es in Europa kein billiges Fleisch. Letztes Jahr wurden etwa 35 Millionen Tonnen Sojabohnen und -schrot in die Europäische Union importiert. Laut Berechnungen der EU werden für 1 kg Rindfleisch 232 g, für 1 kg Schweinefleisch 648 g und für 1 kg Geflügel 967 g Soja verfüttert.

In den Sojaanbaugebieten Südamerikas nimmt unterdessen die Verarmung der Landbevölkerung zu, bis hin zu der sich ausbreitender Versklavung. Die Anzahl an registrierten Fällen von Sklaverei hat in Brasilien in den Jahren 1997 bis 2005 um das 15-fache zugenommen.

Sind sie jetzt in Österreich unterwegs, ist das erste, was Ihnen auffallen muss, die aberwitzige Ausbreitung des Maisanbaus. Mais wird immer häufiger, Jahr für Jahr auf den selben Flächen angebaut, jenseits der guten landwirtschaftlichen Fruchtfolgepraxis, die es einmal auf den Bauernhöfen gab, auf die die Bauern zu Recht stolz waren und mittels derer die Möglichkeiten der Natur in die Feldbestellung mit einbezogen wurden.

Heute wird die Natur mit Herbiziden, Insektiziden, Fungiziden, bis hin zu systemischen Hilfsmitteln und Wachstumsregulatoren in Schach gehalten, nur so kann ein landwirtschaftlicher Ertrag noch erbracht werden. Jährlich belasten laut FAO weltweit 2,4 Milliarden kg Pestizide unsere Umwelt. Vom Design her sind Pestizide nervenschädigend und die Hinweise mehren sich, dass sie im direkten Zusammenhang stehen Parkinson auszulösen. Trotz bekannter Gefahren gibt es weltweit kaum Beobachtungen und Studien über die Auswirkungen auf die Population und Ökosysteme. Warum wohl nicht?

Nur durch starken Pestizideinsatz kann man den Proteinhunger – Mais, Soja – für die Viehwirtschaft decken. Und das, obwohl die Rinder ein Geschenk Gottes an die Menschheit sind. Mit ihrem vierteiligen Magen vermögen sie aus Gras und Heu hochwertige Lebensmittel wie Heumilch zu erzeugen. Kein Rind muss einem Menschen Getreide wegessen, ein Rind braucht kein Soja, keinen Mais.

Nicht artgerechte Ernährung wie Soja und Mais macht sie hingegen krank. Abhilfe schafft man da durch Medikalzusätze im Tierfutter, die dann mit der Jauche auf den Wiesen und Feldern landen und nicht zuletzt irgendwann in unserer Nahrung. Der präventive Einsatz von Antibiotika in der konventionellen Landwirtschaft kontaminiert laut einer EU Studie auf eben diesem Weg unsere Böden und führt zu erhöhten Antibiotikaresistenzen.

Die Jauche zerstört die Humusqualität der Böden und die Biodiversität. Aber pflanzliche und tierische Vielfalt bildet eine der Voraussetzungen um menschliche Ernährung zukünftig zu sichern. Die Wildformen unserer Nahrungsnutzpflanzen sind notwendig für Neuzüchtungen um unseren Bedarf an gesunder Nahrung auch noch in Zukunft noch zu decken. Angesichts des Klimawandels ist die Biodiversität überlebenswichtig.

Doch wen kümmert‘s? Die Methoden der industrialisierten Landwirtschaft sind Ausbeutung, Vernichtung und Abhängigkeit. Die Bodenerosionen nehmen auch in Europa unsere Ernährung gefährdende Maße ein. Ein Boden, der nicht aufgebaut wird, sondern nur noch ausgebeutet, neigt zu erodieren. Einem aktuellen Modell der EU zufolge sind etwa 130 Millionen Hektar europäischer Böden durch Wassererosion und 42 Millionen Hektar durch Winderosion gefährdet.

Gerodete Flächen im Regenwald, die mit Soja bebaut werden, leiden ebenfalls unter Bodenerosion. Für ein Kilo Soja gehen sechs bis zehn Kilo Boden verloren. Der Verlust an Bodenfruchtbarkeit muss wiederum durch industriellen Dünger kompensiert werden.

Wir haben es in weiten Kreisen der Landwirtschaft mit einer beeinträchtigten Wirklichkeitserfassung zu tun. Diese Landwirtschaft beutet aus und lässt ausbeuten, siehe das koloniale Gehabe unserer Landwirte in Südamerika. Sie agiert ökonomisch spekulativ, ökologisch uns alle in die Katastrophe bringend. Sie ist hochgradig abhängig von der Petroindustrie, von Proteinen aus Übersee und unseren Steuergeldern.

In sich und aus sich hat die konventionelle Landwirtschaft heute keine Lebensfähigkeit mehr. Denken wir an unsere Zukunft, an die Zukunft unserer Kinder, benötigen wir, Konsumenten und Landwirte, eine völlig andere Art des Denkens und Handelns, eine Ethik der Verantwortung, die uns nötigt für die Folgen und Nebenfolgen unserer Handlungen einzustehen, und nicht die Augen zu verschließen. Biologische Landwirtschaft ist alternativlos.

Wir werden nur als radikal solidarische Gemeinschaft eine Zukunft haben, auch solidarisch mit den Tieren, mit der Natur, mit der uns nährenden Natur!

Hochachtungsvoll,

Werner Lampert

Weiterführender Link:

Jenseits der Romantik von Hans Gmeiner in den Salzburger Nachrichten

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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