Mit dem Herzen hören! – Emil Nolde

Titelblatt einer Eröffnungsrede

Diesem Wunsch Salomons begegnen wir in den Bildern, Aquarellen, Grafiken Emil Noldes.Er malte mit einem hörenden Herzen. Natürlich sind es seine Farben. Goethe spricht in seiner Farbenlehre von der Region des Staunens. Noldes Farben machen uns immer staunend. Goethe schreibt weiter, dass der Mensch nur in einem eingeschränkten Maße in der Lage ist, Erscheinungen wahr zu nehmen und zu erfassen. So bleibt uns das Staunen und Ahnen.

Neben den Farben ist es die unglaubliche Intensität, die Unmittelbarkeit, die Dynamik des Lebendigen, in dem das verborgene der Natur nachklingt. Aber es ist mehr, es ist die seelische Präsenz, die uns aus Noldes Werken entgegen tritt.

Mit dem Herzen hören!

Die Intensität scheint ihm in die Wiege gelegt zu sein. Mit großer Leidenschaft las er als junger Mann die Bibel und wollte als 16jähriger Missionar werden. Er malte als Kind, wo er stand und ging. Beeren und Gemüse wurden ihm zum Farbstoff, zur Farbe. Er malte in seine Bibel, auf die Schultafeln, auf die Wagenbretter und auf Scheunenwände. Die Bibel und das Malen trieben ihn an und sonderten ihn ab.

Nicht Bauer wurde er, wie sein Vater, aber er hatte lebenslang seine Wurzeln zwischen Marsch und Geest. Er kehrte zu diesen, seinen Wurzeln, immer wieder zurück. Diese, seine, Ursprünglichkeit, hielt er lebenslang lebendig und das lebendig halten war auch die Quelle seiner Kreativität.

In jungen Jahren kam er als Lehrer in die Kunstgewerbeschule nach St. Gallen. Auch hier entfaltete er seine Lust, seinen Hunger nach allem Ursprünglichen. Er machte lange Fußmärsche ins Appenzellerland, wo er den alten Bräuchen einer bäuerlichen, heidnischen Kultur begegnete, der Fasnacht, den wilden Masken. Und den Bergen.

Gemälde mit blauen BergenNolde, aus der Marsch und Geest kommend, entwickelte eine unbändige Leidenschaft für die Berge. Harmlos begann er mit dem Hohen Kasten, dem Säntis, dann den vielen 3000ern im Lötschental. Nolde wurde in der St. Gallener Zeit zum geschätzten Hochalpinisten. Er bestieg den Monte Rosa, den Ortler, in den Dolomiten einige Gipfel bis hin zu den 4000ern Mönch und Jungfrau im Berner Oberland.

Offensichtlich war es die Lust nach dem Ursprünglichen. Das Woher – Woraus – Wodurch. Das Unmittelbare, ohne den zivilisatorischen Zuckerguss.

Aber die Berge waren nicht mehr als ein temporaler Prüfstein in seiner persönlichen Entwicklung. Er war ein als KÜNSTLER BERUFENER und immer auf der Suche nach dem Ursprünglichen.

Nolde näherte sich Künstlergruppen an und trennte sich bald wieder. Nur einer Gruppe fühlte er sich nah und verbunden, doch die ächtenden ihn zu seinem großen Verdruss und letztendlich zu seinem großen Glück. Beschämt schauen wir auf diesen, seinen Sündenfall.

Wir erleben diese Zeit in seinen „ungemalten Bildern“, Bilder voller Kraft.

Gemälde mit zwei gelben Frauen vorblauem HintergrundVon dem, wie alles anfing, gehen wir weg. Im Gegensatz dazu, ist der Ursprung, in dem unser Späteres wurzelt. Für Meister Eckhart ist der Ursprung mit der Rückkehr zur Quelle, mit der Gottesgeburt in der Seele verbunden.

Für die meisten von uns ist es die Ahnung des Ganzseins, bevor es zerbrach. Diesen Moment des noch Ganzseins, den spürte er wie viele seiner Kollegen in der Südsee nach, bei den Naturvölkern in ihrer ursprünglichen Umgebung. Bilder, die er dort malte, sind rohe, wilde Bilder. Er erlebte in der Südsee, in Neuguinea, Farben von unglaublicher Intensität und leuchtendem Glühen. Die Farben begegneten ihm in Schmetterlingen, Blumen, Fischen und Vögeln. Nolde war eine Zeit gebannt von dem, was er dort vorfand.

Gemälde stark roter Himmel über grünem MeerIn einem Brief schrieb er von Urmenschen, Urzuständen, Urvölkern, Urnatur, Urwesen, Urnaturleben. Die Südsee als letzte Fundgrube der Urkunst. Doch die Südsee war nicht mehr als eine Vorübung für Seebüll, für seine Gartengestaltung in Seebüll. Das A + E verwoben als Zeichen des Ganzseins.

Der Garten als Ahnung , in der die Primärkultur nachklang wie in einigen seiner Bilder. Der Garten als Raum für seine künstlerische und geistige Schaffenskraft. Der Garten ist immer ein Platz der Begegnungen und Ereignisse, ein Ort der Geborgenheit und der Intimität. Gartengestaltung als Versuch die Natur in eine verherrlichende Stätte zu verwandeln. Der Garten als Abbild des jenseitigen Sternengartens.

Robert Fludd meinte, jede Blüte entspricht einem Stern im unendlichen Kosmos. Die Blume bringt den Stern für uns zum Erblühen. Und nochmals gab es in seinem Leben eine Rückkehr.

Nolde wurde Bauer.

Er kaufte Höfe in der Umgebung. Zwei wunderbare sehen Sie in der Ausstellung, in denen vieles aufscheint, was ihn bewegte. Landwirtschaft als Kulturermöglicher, als Kulturimpuls. Noch einmal möchte ich die Weimarer erwähnen. Ceres, die Göttin des Ackerbaus, war bei ihnen hoch im Kurs.

Ceres ist die einzige unter den Göttern, die betrübt ist über das wilde, elende, gewalttätige Treiben unter den Menschen. Sie beschließt Abhilfe zu schaffen. Sie tritt unter die blutbefleckten Wilden, nimmt einem Jäger den Speer aus der Hand und zieht damit eine Furche in die Erde, in die sie ein Korn aus ihrer Ährenkrone wirft. Sogleich wächst daraus ein unermessliches Kornfeld, und damit hängt das Überleben der Menschen nicht mehr vom blutigen Kampf ab.

Natur wurde zur Kultur, Natur führt zur Kultur!

Das Ursprüngliche war in Nolde immer gegenwärtig. Im Wurzeln seines Ursprungs verdankte er seine Stabilität, seine Sinnlichkeit. So konnte er das Verborgene der Natur in seinen Werken zum Klingen bringen, sichtbar werden lassen.

In seiner Kunst hörte Nolde mit dem Herzen und so erleben wir heute in seinen Bildern Nolde als ein mit Herzen Hörenden.

http://www.nolde-stiftung.de/

Eröffnungsrede zur Emil Nolde Ausstellung im Schloss Belvedere Wien am 24.10.2013

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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