Aufruf zu mehr Bildung

Zwei Latinos in der Schule in Uniform

960.000 der 16- bis 65-jährigen Österreicher können nur schlecht oder gar nicht lesen. Das hat die Auswertung der OECD-Studie „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“ (PIAAC) ergeben. (Standard Artikel)

Eigentlich sollte dieser Beitrag ganz nett werden, ein Aloe Vera Züchter aus Österreich und ein paar Rezepte zu dem Thema waren meine Idee.

Grundsätzlich versuche ich dem Leben, (was als echter Wiener wirklich nicht zu den angeborenen Fähigkeiten zählt) positiv zu begegnen, und halte im Allgemeinen wenig vom erhobenen Zeigefinger und allzu ratgeberischem Ton.

17,1 Prozent können nur kurze Texte lesen

Aus aktuellem Anlass kann ich jedoch nicht anders, als mit meinen Vorsätzen zu brechen. Ich kann einfach nicht über gelungene Mini-Landwirtschaft und Projekte Einzelner schreiben, wenn mir momentan ständig nur ein Gedanke durch den Kopf geistert: Selbst wenn Sie wollten, könnten fast 20 Prozent unserer Landsleute meinen Text gar nicht lesen, von wachem Interesse am Thema ganz zu schweigen. Ich würde am liebsten laut schreien um diesem ohnmächtigen Gefühl, das bei dieser Nachricht bei mir entsteht, (weit schlimmer als bei so manchem deprimierenden Wahlergebnis) Ausdruck zu verleihen.

Ist die erste Wut verklungen, kommt der gelernte Impuls, erst einmal nach Schuldigen an der Misere zu suchen: DIE DA OBEN; DIESE POLITIKER, die Lehrer…. An Feindbildern haben wir in Österreich keinen Mangel.

Wie verdammt noch einmal kann es in einem Land, in dem das RECHT auf mehr als 9 Jahre vom Staat, also VON UNS ALLEN, bezahlte Bildung, hart erkämpft wurde, sein, dass so ein vernichtendes Urteil für den Umgang mit unseren Kindern und Mitmenschen, nicht zu einem Aufschrei aller führt? Weil die Betroffenen dumm oder ignorant sind? Weil’s mir als Bildungsprivilegiertem egal sein kann? Weil es die Betroffenen gar nicht mitbekommen? Und schon beißt sich die Katze in den Schwanz.

Das gemeinsam als Gesellschaft BEWUSST begangene unfassbare Unrecht, mit dem wir munter in den Tag leben, MUSS sofort behoben werden! Bildungsbürger, (dazu zähle ich jeden, der lesen kann) geht raus und gebt Unterricht! Schreibt eurem Abgeordneten persönlich (ja das geht!), gründet eure eigenen Schulen! Bitte lasst uns nicht so weitermachen!

Wir streiten über vergleichsweise lächerliche 300 Euro für ein Uni-Semester und vergessen dabei, dass nur jeder 10. Absolvent einer Hochschule keine Akademiker als Eltern hat. Das System ist geschlossen; lasst uns nicht so tun als wäre es anders, damit wir uns schön sozial fühlen können.

Der Kern der Sache beginnt im Kindergartenalter; bis man 14 ist und das ist ja wirklich keine neue Erkenntnis, werden die wichtigsten Grundbausteine gelegt und hier werden bereits viele Wege für immer verbaut.

Es geht nicht nur um unsere eigenen Kinder es geht um ALLE KINDER in diesem Land für die JEDER BÜRGER eine Verantwortung hat. Eine Gesellschaft und ein Staat haben die Aufgabe möglichst vielen Menschen ein möglichst glückliches Leben zu ermöglichen. Und wem das zu humanistisch klingt, der kann es auch wirtschaftlich = eigennützig sehen, denn wir können es uns NICHT leisten, so unglaublich viel Potential ungenützt zu lassen. Von beiden Warten aus gesehen, ist unser System gescheitert.

Teilen wir unser Wissen

Und wer schon unbedingt einen Schuldigen braucht, möge vor der eigenen Türe anfangen. Wenn Sie diesen Text lesen können, sind Sie bereits privilegiert. Es ist Zeit damit aufzuhören dieses Wissen eifersüchtig zu hüten. Geht raus und teilt mit den Anderen, ja das kann eine befriedigende und wunderbare Sache sein!

Der Mensch ist von Geburt an neugierig und wissensdurstig. Was machen wir, dass dieser Urinstinkt in besagten 14 Jahren so gründlich ausgetrieben wird?

Wenn Grundbedürfnissen, und dazu ist NEUES ERLERNEN mit Sicherheit zu zählen, nicht entsprochen wird, kann man nicht glücklich leben.

Puhh, das aufzuschreiben hat gut getan!

Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, Mitmenschen und unserem Lebensraum kann nur gemeinsam funktionieren.

Lasst uns also unser Wissen teilen und weitergeben! Das System dazu muss erst geschaffen werden, doch jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

Über Karl Wrenkh
Karl (geboren 1987 in Wien) Wrenkh wurde neben der Schule von seinem Vater im Kochen ausgebildet und leitet mit seinem Bruder seit 2009 das Restaurant »Wrenkh« und den »Wiener Kochsalon« in Wien. Ihre Kompetenz wird immer häufiger im Fernsehen nachgefragt.
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  • Mario Sedlak

    Ich bin einer der 10% Akademiker, die keine Akademiker als Eltern haben, und teile mein Wissen sehr gerne. Bei diesem Blogbeitrag ist mir allerdings nicht klar, ob er Feindbilder suchen will oder nicht. Meines Erachtens sollte man vor allem mit den Menschen sprechen, die nicht gut lesen können. Aufgrund meiner Erfahrung in der Schule vermute ich keinen Fehler im System und kein „bewusst begangenes Unrecht“. Die wenigsten schwachen Schüler wünschen sich mehr Förderunterricht. Wahrscheinlich ist es einfach „uncool“, was zu lernen. Die Frage, warum das so ist, würde ich an die Gesellschaft oder Soziologen richten. Von Abgeordneten erwarte ich mir da keine erhellenden Einsichten. Mehr Bildung brauchen wir gewiss, da stimme ich zu.