Klimaschutz? Warum nicht in Rohstoffen denken?

Ausblick von den Goldlacken

„Nachhaltigkeit“ und „Klimaschutz“ sind wichtig und richtig. Wie oft haben Sie diese Behauptung schon gehört? Jeder, der nicht für „Nachhaltigkeit“ und „Klimaschutz“ ist, muss ein Umweltverschmutzer sein, steht auf einer Stufe mit allen Bewusstlosen, die Ladegeräte nach dem Aufladen weiter in der Steckdose lassen, Chemiefabriken, die ihre Abwässer ungeklärt in den nächsten Vorfluter entsorgen und mit neuester Filtertechnik ausgestatteten Kohlekraftwerken, die bekanntermaßen trotzdem umweltschädliche „CO2-Schleudern“ sind. Richtig? Oder ist das alles nicht ein bisschen viel Schwarz und noch viel mehr (blütenreines!) Weiß?

Obiger Absatz ist ein Versuch meinerseits undifferenziert Begriffe zu verwenden, deren Definition oder Erklärung ich nicht einmal versucht habe um die Chancen auf Missverständnisse zu erhöhen. Die dahinterstehende Absicht ist schnell erklärt: was im ersten Absatz bewusst eingesetzt wurde, wird regelmäßig unbewusst getan und die sich daraus ergebenden Missverständnisse bleiben unaufgeklärt. Die perspektivischen Unterschiede liegen bereits in den Begriffen selbst verborgen und müssen so zu unproduktiven Debatten führen, die Gemeinsamkeiten in den Intentionen der Debattierenden bleiben unentdeckt.

Im Weiteren wird der Versuch unternommen einige Begriffe näher zu erläutern, die immer wieder zu lesen und zu hören sind, ohne deshalb je definiert worden zu sein. Zu Anfang soll der Begriff der „Nachhaltigkeit“ näher untersucht und möglichst definiert werden.

Niemand, der jemals von Menschen unberührte Natur („Urwald“) live gesehen und erlebt hat wird ernsthaft bezweifeln, dass der „moderne Mensch“ Einfluss auf die Natur hat. Dieser Einfluss ist es, der Naturlandschaft zur Kulturlandschaft macht, mithin aus Urwald eine Weide, einen Acker und einen Hof und auch ein Dorf, eine Stadt und einen Industriepark werden lässt. Wer nun diesen Einfluss des Menschen auf die Naturlandschaften gänzlich verhindern und so die Naturlandschaften als solche erhalten möchte, der muss Strategien und Konzepte vorlegen, die 7 Milliarden Menschen in Naturlandschaften mit Wasser, Nahrung und Unterkunft versorgen können. Diese Konzepte müssten funktionieren. Funktionierten Sie nicht würden Menschen ohne Wasser, Nahrung und Unterkünfte sein.

Die Forderung Menschen dürften keinen Einfluss auf die Natur mehr haben ist so fernab jeder Lebenswirklichkeit, dass sie zumindest aktuell ohne jedes politische Gewicht bleiben muss und wird schon deshalb höchst selten so formuliert. Eine von Menschen bewohnte Erde ohne einen Einfluss des Menschens auf die Natur ist schlechterdings absurd oder um es anders zu sagen für alle bereits existierenden Menschen geradezu eine Horrorvorstellung. Die Frage, welchen Einfluss der Mensch auf die Natur hat, hingegen scheint angesichts diverser höchst aktueller Entwicklungen (Fukushima, Überfischung der Meere, „Plastik-Kontinente“ im Pazifik, usw.) drängender denn je.

Eines ist völlig klar und wird vielleicht gerade deshalb so selten klar ausgedrückt: so lange es auf diesem Planeten eine Spezies gibt, die dauerhaft Prozesse ablaufen lassen möchte, die über keinen gänzlich geschlossenen Stoffkreislauf verfügen, so werden dauerhaft lediglich die Endprodukte dieser Prozesse übrig bleiben. Aktuell ist der Mensch eine solche Spezies. Praktisch kein menschlicher Produktionsprozess kann einen gänzlich geschlossenen Stoffkreislauf aufweisen, insbesondere dann nicht, wenn man die Schließung des Stoffkreislaufes in weniger als – sagen wir – 100 Jahren verlangt.

Die Natur kennt keinen Müll

Blatt mit Raureif überzogen im RasenGanz konkret heißt das, dass so lange unser Denken nach wie vor noch im Konzept von Rohstoffen einerseits und Müll andererseits verhaftet ist, so lange wird auf lange Sicht ausschließlich Müll übrig bleiben. Sogar scheinbar gut zu begründende Kritik, wie etwa die am „ewigen“ Wirtschaftswachstum, schießt am eigentlichen Ziel vorbei, wenn auch in einer stagnierenden oder gar schrumpfenden Wirtschaft die Stoffkreisläufe weiterhin nicht geschlossen sind. Es bliebe auch dann nur Müll übrig.

In anderen Worten: wer langfristig nicht auf einer Müllhalde leben oder dem Nachwuchs eine solche hinterlassen möchte, der tut ausgesprochen gut daran zukünftig – ausschließlich – in Rohstoffen zu denken. Die Natur tut das bereits heute. Die Natur kennt keinen Müll. Sie kennt ausschließlich Rohstoffe (genauer: Nährstoffe).

Wenn also von Nachhaltigkeit die Rede ist, dann sollte damit die Orientierung an der Natur in diesem Sinne gemeint sein. Wenn irgendwo mehr Nachhaltigkeit gefordert wird, so muss es eine Forderung in Richtung Schließung der Stoffkreisläufe sein. Ist das nicht der Fall liegt ein anderer Nachhaltigkeitsbegriff zu Grunde. Möglicherweise ist dies dann ein Nachhaltigkeitsbegriff, der die Erde nachhaltig zur Müllhalde machen wird.

Was ist Klimaschutz?

Im folgenden soll nun der Versuch gewagt werden etwas näher zu beleuchten was mit dem Kompositum „Klimaschutz“ gemeint sein könnte. Eines vorweg: der politisch beladene Begriff „Klimaschutz“ sollte nicht leichtfertig mit „Nachhaltigkeit“ in der obigen Definition verwechselt oder vermischt werden.

Das „Klima“, als der erste Teil dieser Wortschöpfung, ist im Wesentlichen ein Durchschnittswert, der an einem bestimmten Ort über einen langen Zeitraum (Größenordnung: 30 Jahre) gemessenen Temperaturen und Niederschlagsmengen, gegebenenfalls noch Sonnenstunden, Regentage und Luftfeuchtigkeit. Kurz: das „Klima“ ist das durchschnittliche Wetter. Wenn Sie in Zukunft „Klima“ hören, hören Sie einfach „Durchschnittswetter“.

Was also könnte mit Klimaschutz gemeint sein? Kann man wirklich das Durchschnittswetter schützen? Mit „schützen“ kann gemeint sein „verteidigen“ oder auch das Bewahren vor (negativen, ungewollten) Veränderungen. Wohlwollend könnte argumentiert werden, das Klima solle vor einer Veränderung, die nicht gewollt wird, bewahrt werden. Deshalb also „Klimaschutz“.

Wie könnte nun dafür gesorgt werden, dass das Durchschnittswetter vor Veränderungen bewahrt wird? Häufig einhellige Antwort: ganz einfach durch Reduzierung des anthropogenen, d.h. von Menschen verursachten, CO2-Ausstoßes. Es gibt tatsächlich nur eine Stellschraube, die verändert werden müsste? Ja, so heißt es. Wie kann das sein? Die Komplexität der Einflussfaktoren auf das tägliche Wetter ist schon allein daran abzulesen, dass Wetterprognosen, die über einen Zeitraum von 7 Tagen hinausgehen auch mit modernster Technik nur noch höchst vage sind. Das tägliche Wetter in 4 Wochen vorherzusagen grenzt an absolute Unmöglichkeit.

Ausgerechnet vor diesem Hintergrund soll nun das durchschnittliche Wetter in 90 Jahren ausgesprochen gut vorhergesagt werden können. Bisweilen so gut, dass sich auf diese Vorhersagen gestützt sogar politische Forderungen formulieren lassen. Und das alles auch noch ausschließlich auf Basis des anthropogenen Ausstoßes nur eines Gases? Das klingt erstaunlich unwahrscheinlich.

Ganz und gar nicht unwahrscheinlich ist es jedoch, dass offene Stoffkreisläufe, die „Müll“ als Endprodukt haben auf lange Sicht ausschließlich Müll übrig lassen. Dieser Zusammenhang ist sogar so einfach, dass er häufig übersehen wird und derzeit noch zu keinerlei politischen Forderungen führt.

Bei Nachhaltigkeit und Klimaschutz handelt es sich aus meiner Sicht um zwei völlig unterschiedliche Dinge. Nachhaltigkeit im oben verwendeten Sinn ist Schließung der Stoffkreisläufe, das Ende des Mülls. Alles andere, inklusive sogenannter Klimaschutz, ist im besten Fall einfach nur Symptombehandlung, schlimmstenfalls Teil einer politischen Agenda, die die gut begründbaren Sorgen vieler Menschen um die Umwelt, ihrer Lebensgrundlage, politisch zu nutzen versucht.

Über Nicolas Hofer
– Jahrgang 1983, immerhin drei Jahre vor Tschernobyl, siebenundzwanzigeinhalb vor Fukushima – von notorischer Neugier geplagt – Übersetzer, Audio- und Videoeditor (u.a. deutsche Versionen von „Zeitgeist“ und „Artesanos“) – Student (Wirtschaftsinformatik) – IT-Trainer – analysiert gerne wirtschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge und handelt entsprechend – hat schon durch eigene, mitunter schmerzhafte Erfahrung über den zivilisatorischen Rand hinaus geschaut – Vorträge (Geld und Wirtschaft) seit Anfang 2008 – hält Systemtheorie und Kommunikation für goldene Schlüssel, wenn es so etwas gibt – schreibt für das Werner Lampert Blog, weil Isabell Riedl einen super Job macht!
Dieser Beitrag wurde unter Junge Stimmen, Nachhaltiger Lebensstil, Natur- und Umweltschutz, Pioniere, Zukunft abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
  • Klimaschutz besteht ebenfalls im Schließen von Rohstoffkreisläufen: Immer mehr CO2 in die Luft zu entsorgen bleibt nicht ohne schwere Folgen. Daran gibt es wissenschaftlich keinen Zweifel. Dass die Müllentsorgung und der Rohstoffverbrauch weniger Aufmerksamkeit als der Klimaschutz bekommt, könnte daran liegen, dass uns bisher weder der Platz für Deponien noch irgendwelche Rohstoffe ausgegangen sind. Zwischen den Anliegen gibt es aber keinen Widerspruch, denn wenn man das Klima schützt, dann spart man auch Ressourcen und Abfall.

    • Nicolas Hofer

      Hallo Mario Sedlak,

      vielen Dank für Ihren Kommentar:

      > Klimaschutz besteht ebenfalls im Schließen von Rohstoffkreisläufen:
      > Immer mehr CO2 in die Luft zu entsorgen bleibt nicht ohne schwere Folgen.
      > Daran gibt es wissenschaftlich keinen Zweifel.

      Dass zum Beispiel die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen in Verbrennungsmotoren Kohlendioxid freisetzt. Daran gibt es in der Tat keinen Ernst gemeinten Zweifel.
      Auch dass es keine besonders einfallsreiche Vorgehensweise ist, sämtliche Kohlenwasserstoffe stupide in Verbrennungsmotoren zu verheizen und damit CO2 und andere (teilweise gifitige) Gase einfach freizusetzen ohne jemals über die Schließung dieses Stoffkreislaufes nach zu denken steht für mich ebenfalls außer Frage. Es ist kurzsichtig, ja stumpfsinnig.

      Welche Auswirkungen jedoch genau die Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre auf das Durchschnittswetter hat ist eine weitere, gänzlich andere Frage. Kann aufgrund der Komplexität der Einflussfaktoren auf das Wetter tatsächlich einfach „bewiesen“ werden, wie dieser Einfluss genau aussieht?
      Wie haben sich die Erderwärmungsmodelle in den letzten 15 Jahren geschlagen? Welche Einflussfaktoren berücksichtigen die Modelle?

      Sollte „Wissenschaft“ nicht _immer_ zweifeln, gerade wenn es um komplexe Systeme geht (wie beispielsweise die Wetterentstehung)?

      Das hier finde ich übrigens klasse: http://sedl.at/Denkweisen/unwissenschaftlich

      > Dass die Müllentsorgung und der Rohstoffverbrauch weniger Aufmerksamkeit
      > als der Klimaschutz bekommt, könnte daran liegen, dass uns bisher weder der
      > Platz für Deponien noch irgendwelche Rohstoffe ausgegangen sind.

      Gut, wenn es denn dann mal soweit ist, braucht uns ja sonst vielleicht auch nichts mehr zu stören ;-)

      > Zwischen den Anliegen gibt es aber keinen Widerspruch,

      Ich halte es tiefliegend sogar für exakt das selbe Anliegen. Nur wird aus meiner Sicht dem eigentlichen Anliegen, nämlich der Sorge um die eigene Lebensgrundlage und der natürliche Instikt, diese lebendig erhalten zu wollen, durch die häufige Trivialisierung der Diskussion auf nur einen Aspekt („Erderwärmung“) und dabei im Wesentlichen auf nur ein Gas („CO2, der Klimakiller“) gerade kein Gefallen getan.
      Erstaunlicherweise ist es ausgerechnet auch noch jenes ungiftige Gas ohne welches auf diesem Planeten überhaupt kein Leben existieren könnte.

      > denn wenn man
      > das Klima schützt, dann spart man auch Ressourcen und Abfall.

      Wie „schützt“ man denn das „Klima“ genau? Ist damit die Reduktion von anthropogen verursachtem CO2-Ausstoß gemeint?
      Wenn dann zum Beispiel das hier mit Klimaschutz gemeint ist:
      – Erzeugung von Strom durch erneuerbare Energien
      – Ersetzen der Verbrennungsmotoren durch Elektromotoren auf breiter Basis und dadurch Reduktion des CO2-Ausstoßes
      dann ist das ja mehr als in Ordnung.

      Mein Anliegen ist nur: warum sollten wir an der Stelle schon aufhören? Warum sollten wir so eingeschränkt in unserem Denken bleiben?
      WIE genau werden diese erneuerbaren Energien genutzt um damit Strom zu erzeugen? Wie lange ist beispielsweise die erwartbare Lebensdauer der Solarzellen? Sind diese so designed, dass man sie vollständig wiederverwerten kann oder erwartet uns in 2-3 Jahrzehnten eine Lawine an Sondermüll? Woraus bestehen die Elektrofahrzeuge? Kann man die Akkumulatoren so bauen, dass sie vollständig wiederverwertet werden können?
      Und viele weitere Fragen mehr, die sich alle aus dem Rohstoffdenken ergeben, ginge es nur um die Reduktion des CO2-Ausstoßes bleiben diese Fragen regelmäßig ungestellt.

      Nochmals besten Dank für Ihren Kommentar und schöne Grüße
      Nicolas Hofer

      • Hallo Nicolas Hofer,

        danke für Ihr offenes Ohr. Die Klimamodelle kann man anhand der Vergangenheit verifizieren. Außerdem wurden schon 1990 richtige Voraussagen gemacht.

        http://sedl.at/Klima-Fakten/Modelle

        Zweifeln darf und soll man in der Wissenschaft immer, aber viel Spielraum für Verbesserungen an den Modellen gibt es nicht mehr, und das muss auch anerkannt werden. Dass CO2 den Treibhauseffekt verstärkt und die Ursache für die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur verantwortlich ist, daran gibt es keinen Zweifel mehr. Eine wissenschaftlich haltbare Alternativerklärung für die beobachtete Erwärmung liegt nicht vor.

        Zur Erhaltung unserer Lebensgrundlagen gehören natürlich noch viele weitere Aspekte des Umweltschutzes, insb. Artenschutz, denn einmal ausgestorbene Arten können nicht wiederkommen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Diskussion „trivialisiert“ wird sondern ganz im Gegenteil: Jeder Umweltschützer hat sein Lieblingsthema, das er mit größtem Eifer verfolgt, egal welche Priorität es global gesehen hat.

        Wenn man externe Kosten berechnet, dann dominieren in den meisten Ökobilanzen die Effekte der Treibhausgase. Auch wenn sich das Recycling von Solarzellen als schwierig erweisen sollte, kann das an der positiven Ökobilanz nicht viel ändern. Die größere Gefahr ist, dass die Menschen die gewonnene Ökoenergie dafür nutzen, noch mehr Energie zu verbrauchen anstatt fossile Energie einzusparen (Rebound-Effekt). Es wäre in der Tat falsch, nur auf das CO2 zu schauen, aber wir sollten darauf achten, dass wir unsere begrenzte Kraft dort einsetzen, wo am meisten verbessert werden kann. Leider kann man nicht alle Umweltprobleme gleichzeitig lösen.

        Ich halte die Energieversorgung für einen der wichtigsten Ansatzpunkte, weil global 3/4 der Energie aus nicht nachhaltigen Quellen gewonnen wird. Rohstoffe brauchen i. A. viel Energie in der Gewinnung und tw. auch im Recycling, daher ergibt sich automatisch ein gewisses „Rohstoffdenken“, welches Sie favorisieren.

        Wenn der einzige Nachteil der Elektroautos wäre, dass die Akkus nicht vollständig wiederverwertbar sind, dann wäre ich dafür. Jedoch ist ihre Herstellung sehr energieintensiv und als Experte für die Stromwirtschaft halte ich nichts vom Gedanken, dass man Ökostrom umweltneutral verbrauchen kann, denn auf Nachfrageänderungen reagieren hauptsächlich fossile Kraftwerke.

        http://sedl.at/Elektroauto

        Gruß, Mario Sedlak