Natur kennt keinen Abfall – Stoffe aus saurer Milch

2 Milchkannen auf der Wiese

Mehr als 800.000 Liter saure Milch werden jährlich in Österreich weggeschüttet, in Deutschland sind es 1,7 Mio Tonnen – aber daraus könnte man Textilien erzeugen und das geht so:

Wenn Rohmilch sauer wird, setzt sich Molke ab, auf der sich weiße Flocken bilden. Das ist das Milchprotein Kasein, das abgeschöpft, getrocknet und zu Pulver verarbeitet werden kann. Eine Maschine knetet dann dieses Proteinpulver mit Wasser und anderen natürlichen Zutaten zu einem Teig, welcher schließlich durch ein Lochgitter gepresst wird. Ähnlich wie bei der Nudelerzeugung kommen dann hauchdünne Fasern heraus, die auf Spulen gewickelt danach versponnen werden können.

Wichtig dabei ist, dass Non-Food-Milk verwendet wird. Bäuerinnen und Bauern können sich an der Sammlung beteiligen. Die sauer gewordene Milch wird dazu einmal die Woche abgeholt.

Kleidung aus Milch – ist das Fiktion?

Für die Mikrobiologin und Designerin Anke Domaske [http://de.qmilk.eu/] nicht. Gemeinsam mit dem Faserinstitut Bremen entwickelte sie ein Verfahren zur Herstellung von Milchfasern, welches mit wenigen Ressourcen und ohne chemische Zusatzstoffe auskommt. Die Naturfasern sind weich wie Seide, hitzebeständig, temperaturregulierend, antiallergisch, kompostierbar und vor allem nachhaltig zu produzieren. Zum Vergleich: bei der Herstellung von einem Kilogramm Baumwolle werden rund 12.000 Liter Wasser benötigt, für ein Kilogramm Milchfasern nur 2 Liter.

Durch die positiven Eigenschaften sind Milchproteinfasern sowohl für die Bekleidungsindustrie als auch für die Autoerzeuger und die Medizintechnik interessant. Beispiele sind antibakterielle Heimtextilien, Bettwäsche mit Kühleffekt, wärmeisolierende Autositzbezüge oder hygienische Membranen für medizintechnische Anwendungen. Die ersten Kleider aus Milch sind bereits im Handel erhältlich, der Stoff fühlt sich glatt und seidig an. Außerdem pflegen die in den Fasern enthaltenen Proteine die Haut – Hautcreme war gestern.

 

Über Günter Pichler
Günter Pichler ist im waldreichsten Bundesland Österreichs aufgewachsen und ist als Kind geprägt von der ersten Energiekrise 1972. Als Architekt führt er ein Architekturbüro in Wien, als Senior Scientist lehrt und forscht er an der technischen Universität.
Dieser Beitrag wurde unter Nachhaltiger Lebensstil, Pioniere, Zukunft abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.