Was sind eigentlich physische Grenzen, und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun?

Quelle: Dreamstime.com © Holly Doucette

Vor dem letzten Sommer hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, eine Woche ein Krankenhauszimmer mit einer über neunzigjährigen Dame zu teilen. Und bei aller Achtung vor dem Alter wiedersprach ihr Tun dem Zitat, mit dem Alter käme die Weisheit.

Obwohl hoch gebildet und belesen, zerstörte die Dame eine weitere Illusion, der ich bisher angehangen war: Die Ausländerfeindlichkeit ist ja erwiesenermaßen dort am höchsten, wo der Ausländeranteil am niedrigsten ist, also wo „das Fremde“ tatsächlich das Unbekannte ist, vor dem man sich fürchten kann. Daraus folgte mein naiver Umkehrschluss, man müsse Menschen mit Migrationshintergrund nur ausreichend nahe kennenlernen, um seine Vorurteile dagegen abzubauen. (Schließlich hört man in Schulklassen ja oft – die vom Elternhaus übernommene – Meinung: „Die Ausländer müssen raus, aber doch nicht der Mehmet, der ist ja unser Mitschüler!“). Und der Kontakt besagter Dame mit den Krankenschwestern aus Indien, Bosnien und der Slowakei  war – zumindest körperlich – nahe: sie verbanden ihre offenen Beine und wuschen ihren Körper.

Und dennoch, kaum hatten die Pflegerinnen das Zimmer verlassen, so kamen typische Stammtischparolen, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Auf meine Frage, was denn nun genau den Unterschied machen würde, auf welcher Seite einer Grenze die Menschen geboren worden sind, wusste sie natürlich keine begründete Antwort, sondern es kamen nur weitere Tiraden. Alles, was mir blieb, war, mich emotional gegen sie abzugrenzen. Ich fand es spannend, meine eigenen Grenzen zu beobachten: wie kommt man klar, wenn man keine räumliche Distanz aufbauen kann zwischen einem Menschen und sich selbst, mit dem man freiwillig keine Minute verbringen möchte.

In meinem Urlaub bereiste ich ein paar Nachbarländer, und da überschreitet man wieder Grenzen: im Falle Deutschlands erkennt man etwa, wenn man da ist, dass die Dichte der Solaranlagen auf den Hausdächern zunimmt. In der Landschaft selbst ist die Grenze nicht zu erkennen, und da die Zollgebäude mehr und mehr abgebaut werden, muss man schon genau auf die Hinweisschilder schauen, um dem Nachwuchs zu verkünden „jetzt sind wir aus Österreich draußen“.  Da hier wie dort der Euro gilt, hier wie dort (fast) die gleiche Sprache gesprochen wird, verschwinden die Landesgrenzen in Europa immer mehr. Grenzenlose Freiheit, so stellt sich Urlaub ja meistens dar, weil man freie Zeit hat, über die man verfügen kann, und grenzenlose Freiheit gibt es ja auch für die Privilegierten, also solche mit einem EU-Pass etwa, die jede Grenze überschreiten können, solange es eine Ländergrenze ist.

Alte Grenze

Natürlich sind Grenzen zwischen Ländern unglaublich willkürlich gesetzt worden. In Europa, wo sie schon sehr lange Tradition haben, da folgen sie manchmal einem Fluss oder einem Bergkamm, und sind somit – zumindest teilweise „in echt“ nachvollziehbar. In später besiedelten bzw. von der Verwaltung erfassten Gebieten ist an den geraden Linien erkennbar, dass die Grenzen hier „mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen wurden“, und das war historisch auch tatsächlich so. Ein Teil der Probleme auf dem wunderbaren Kontinent Afrika hat seine Wurzeln in diesen Grenzziehungen. Völker, die zuvor gemeinsam in einer Gegend wohnten, und freundliche (oder auch unfreundliche) Beziehungen zu seinen Nachbarn hatten, wurden plötzlich durch eine Grenzziehung auseinanderdividiert und mit anderen Völkern zu einem Staat erklärt. Was hier nachhaltig – also langfristig – geklappt hat, war Konflikte zu schaffen, innerstaatlich und zwischen den Ländern, weil eben nicht zusammenwächst was zusammengehört. Dass so mancher afrikanischer Herrscher diese Konflikte zur Absicherung seiner Macht sehr gerne nutzt, soll hier nicht unerwähnt bleiben, ebenso, dass sie das „teile und herrsche“ von den früheren Kolonialherren gelernt haben.

Wer einen wirklichen Fleckerlteppich an Grenzen sehen möchte, der auch mit Bodenmarkierungen dargestellt ist, dem sei eine Reise nach Baarle ans Herz gelegt, einem  Ort an der Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien mit mehr als 9.000 Einwohnern (http://de.wikipedia.org/wiki/Baarle), hier sind Häuser, Straßen – einfach alles in zwei Staaten aufgeteilt.

Da finde ich es wirklich fein, dass die Grenze nur noch ein Artefakt aus früheren Zeiten ist, und in ihrer Bedeutung nichts mehr ist als nette Linien und ein Grund für Touristen, den Ort aufzusuchen, um möglichst viele Grenzüberschreitungen an einem Tag zu machen. Die EU hat dafür gesorgt, dass viele Grenzen gefallen sind, und durch die Niederlassungsfreiheit kommen auch immer mehr Menschen aus anderen EU-Ländern zu uns. Für spätere Generation wird es daher selbstverständlich sein, nur noch Europäer und Europäerinnen zu sein. Für mich eine grenzenlose Freude!

Über Vera Besse
Vera Besse ist Vorstand von SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil. Das 21. Jahrhundert erfordert einen neuen Lebensstil – einen Lebensstil, der Solidarität und Ökologie ernst nimmt. Denn auch die Benachteiligten bei uns und in anderen Ländern und die Menschen künftiger Generationen haben ein Anrecht auf ein erfülltes Leben in einer intakten Umwelt.
Dieser Beitrag wurde unter Kultur&Soziales, Pioniere abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.