Atomkraft: Nein, aber…

4 Kühltürme des Atomkraftwerks Temelin

Eine neue Studie der TU Wien besagt, dass in Europa bis 2030 ein kompletter Atomausstieg möglich wäre, ohne die Klimaschutzziele aufzugeben. Dazu wäre allerdings ein sofort beginnender, massiver Zubau an Ökostrom-, Speicher- und Netzkapazitäten erforderlich.

Die von Global 2000 beauftragte Studie unterstützt Umweltminister Andrä Rupprechter bei der Argumentation für 2 Männer und 1 Frau sitzen hinter Tischen mit Mikrofonenein atomkraftfreies Europa. Aktuell wird über das geplante britische Atomkraftwerk Hinkley Point gestritten. Weil die Stromerzeugung mittels Spaltung von Atomkernen eigentlich vollkommen unwirtschaftlich ist, soll der Atomstrom in Großbritannien einen gestützten Preis von umgerechnet 10,9 Cent pro Kilowattstunde 35 Jahre lang bei vollem Inflationsausgleich bekommen.

Diesen Preis können Wind und Sonne locker unterbieten. Allerdings brauchen diese Energiequellen Speicher, und da verbreitet die Studie keine Illusionen: Bezahlbare dezentrale Stromspeicher, mit denen jedes Windrad durchgängig Strom wie ein Atomkraftwerk erzeugen kann und jedes Einfamilienhaus mit Solarzellen autark wird, sind nicht in Sicht. Eine Umwandlung von Stromüberschüssen in Wasserstoff wäre teurer als neue Stromleitungen und Pumpspeicherkapazitäten. Daher plädiert die Studie klar für Letzteres.

Wie teuer wird es?

Windpark mit vielen WindrädernUm ein großes Atomkraftwerk zu ersetzen, sind tausende Windräder nötig. Platz gibt es hierfür genug, und die Firmen können auch schnell genug liefern, so das Ergebnis der Studie, die sich selbst wieder auf andere Studien beruft. Zusammen mit Sonne, Wasser, Biomasse, Erdwärme und ein wenig Importen soll der Ökostrom bis 2030 auf einen Anteil von 70 Prozent am Strommix der EU kommen. 2010 waren es der Studie zufolge erst 20 Prozent.

Das schnelle Wachstum des Ökostroms ist bei äußerst ambitionierter Politik möglich, aber der Investitionsbedarf ist enorm: bis zu 95 Milliarden Euro jährlich. Umgelegt auf alle (!) Verbraucher erwarten die Autoren der Studie einen Zuschlag von bis zu 3 Cent pro Kilowattstunde. Ich erwarte, dass die Haushalte einen größeren Teil der Kosten tragen werden müssen.

Hinzu kommen noch Ausgaben für die Hochrüstung des Stromnetzes, neue Pumpturbinen sowie für das Bereithalten von konventionellen Kraftwerken zum Überbrücken von Flauten bei den Erneuerbaren. Diese Kosten hat die Studie gar nicht berechnet. Die Autoren von der TU Wien legen sich nur so weit fest, dass der Strom in dem Atomausstiegsszenario bis 2030 sicher nicht billiger wird. Erst längerfristig könnte der Strompreis fallen. Gleichzeitig halten sie es für einen „wichtigen Erfolgsfaktor“, dass die Bürger von der Energiewende wirtschaftlich profitieren. Wie das gehen könnte, lassen sie offen.

Wie realistisch ist der Atomausstieg bis 2030?

Die größte Herausforderung wäre meiner Ansicht nach der notwendige massive Ausbau des Stromnetzes. Derzeit gibt es bei jeder neuen Leitung erbitterte Proteste. Von der ersten Planung bis zur Umsetzung vergehen mit allen Einsprüchen oft 20 Jahre. Wenn das so bleibt, dann wird es mit der baldigen Energiewende nichts.

PhotovoltaikanlageAußerdem würde laut der Studie die wegfallende Atomenergie nicht immer im selben Land vollständig durch Ökostrom ersetzt werden. Atomstrom-Exporteur Frankreich würde zum Ökostrom-Importeur. Die Begeisterung darüber wird sich bei den Franzosen wohl in Grenzen halten.

Polen wiederum nutzt ausgiebig seine heimischen Kohlevorräte und müsste durch den Atomausstieg noch rascher von seiner kohledominierten Stromerzeugung wegkommen, damit die Klimaschutzziele trotz Abschaltung von Atomkraftwerken erreicht werden können. Den von der Studie vorgesehenen hohen CO2-Preisen wird Polen niemals zustimmen, befürchte ich.

Atomkraft contra Kohle

Für das Jahr 2030 sieht die Studie noch fünf Prozent Strom aus Steinkohle im Mix der EU vor. Das wären mindestens zwanzig große Kohlekraftwerke. Jetzt könnte man die Frage stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, lieber noch ein paar Kohlekraftwerke mehr abzuschalten, anstatt auch die gerade erst errichteten Atomkraftwerke vorzeitig vom Netz zu nehmen. Schließlich führt die Kohleverfeuerung zu Gesundheitsschäden bei der örtlichen Bevölkerung und zu Umweltverschmutzung, weil auch die besten Abgasfilter nicht alle Schadstoffe zurückhalten, wohingegen Atomkraftwerke relativ sauber sind, solange es keinen schweren Störfall gibt (Was passierte in Fukushima?).

Die Studie erachtet den Atomausstieg bis 2030 als symbolisches Ziel, das von der Bevölkerung leicht verstanden wird und breite Akzeptanz für eine rasche Energiewende schaffen könnte. Dem kann ich zustimmen: Wenn wir die Energiewende noch erleben wollen, dann brauchen wir eine breite Welle der Begeisterung, wie sie die Amerikaner seinerzeit mit der geplanten Mondlandung ausgelöst haben. Theoretische Konzepte gibt es bereits mehr als genug.

Über Mario Sedlak
1975 in Wien geboren, 2000 Abschluss des Studiums der Technischen Mathematik an der TU Wien, seit 2008 Fachexperte in der Stromwirtschaft
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  • Kathrin Hoffmann

    Hallo Herr Sedlak,

    Sie schreiben, dass der geschätzte Investitionsbedarf von 95 Milliarden Euro pro Jahr auf die Verbraucher umgelegt werden würde. Das stimmt so nicht. Investitionen in den Ausbau Erneuerbarer tragen Investoren unterschiedlichster Größe und nicht die Endverbraucher / Stromkunden. Investitionen in Erneuerbare bedeuten darüber hinaus Wertschöpfung vor Ort und weniger Ausgaben für sowie Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland.

    MfG Kathrin Hoffmann

    • Hallo Frau Hoffmann,

      alle investierten Beträge müssen von irgendwem zurückgezahlt werden, denn die Investoren wollen ja ihr Geld wiedersehen. Wenn also im vieljährigen Durchschnitt x Milliarden pro Jahr investiert werden, dann müssen die Verbraucher genauso viele x Milliarden pro Jahr zahlen, sonst gehen die Investoren pleite.

      Falls ich Sie missverstanden habe, bitte ich um Korrektur. Die von Ihnen genannten Vorteile der Erneuerbaren sind unstrittig.

      Grüße aus Wien

      Mario Sedlak

      • Warum haben Sie meine Antwort einfach gelöscht? Offene & transparente Diskussion sieht anders aus.

        • Liebe Frau Hoffmann,
          es tut mir sehr leid, dass Ihr Kommentar verschwunden ist. Wir löschen keine Kommentare, außer es handelt sich um Eigenwerbung oder Spam (http://blog.wernerlampert.com/richtlinien-fuer-kommentare/).
          Ich kann mir nicht erklären, was mit Ihrer Antwort passiert ist, denn sie wurde auch nicht versehentlich gelöscht (im Papierkorb befindet sie sich auch nicht).
          Ich würde mich freuen, wenn Sie erneut Ihre Antwort schreiben könnten, und entschuldige mich für die entstandenen Unannehmlichkeiten!
          Isabell Riedl (Admin Werner Lampert Blog)

          • Hallo Frau Riedel,

            vielen Dank fürs Kümmern! Hab nun nochmal etwas Zeit und Grips in die Antwort gesteckt und hoffe, dass sie diesmal Bestand hat.

            Schöne Grüße aus Hannover!
            Kathrin Hoffmann

      • Hallo Herr Sedlak,

        Sie haben Recht, dass die Investitionen langfristig zurückfließen müssen und dies natürlich über die Strompreise, die Gewerbe und Privatverbraucher zahlen, passiert. Doch in Ihrem Artikel klingt es so, als ob die Kosten von jährlich 95 Milliarden Euro für den EE-Ausbau einfach auf den Strompreis oben drauf kommen und das stimmt so nicht.
        Stromkunden verbrauchen in der Regel jährlich etwa gleich viel Strom – zumindest nimmt der Stromverbrauch mit dem Ausbau erneuerbarer Energien nicht zu. Daher bleibt die Stromrechnung auch in etwa gleich. Die einzigen Kosten, die durch den Ausbau der Erneuerbaren zusätzlich entstehen, liegen in der steigenden EEG-Umlage. Dieser Anstieg ist aber in Zukunft überschaubar, da neue Anlagen nur noch sehr geringe Fördersätze bekommen und außerdem alte Anlagen, die bis zu 50ct/kWh erhalten, peu a peu aus der Vergütung rausfallen werden.
        Dazu muss man allerdings auch wissen, dass die EEG-Umlage längst nicht mehr die reinen Kosten der Energiewende widerspiegelt sondern künstlich aufgebläht ist und der Umlagemechanismus langfristig nicht Bestand haben kann: http://www.windwaerts.de/de/blog/detail/eeg-umlage-steigt-strompreis-koennte-2014-dennoch-sinken.html

        Der zusätzliche Strom aus erneuerbaren Energien ersetzt konventionelle Strommengen, daher gibt es für die Verbraucher insgesamt nicht mehr Strom und mehr Kosten. Dieses Ersetzen läuft im Moment allerdings noch nicht rund, da v.a. die Kohlekraftwerke größtenteils auf Hochtouren durchlaufen. Daher müssen wir derzeit so viel Strom wie noch nie ins Ausland exportieren bzw. verramschen. Beim Exportieren können die Energiekonzerne ihre Gewinne, die nun nicht mehr von den deutschen Stromkunden gezahlt werden, einigermaßen halten. Beim Verramschen machen sie Verluste, wozu es ja nun auch immer häufiger kommt.

        Viele Grüße
        Kathrin Hoffmann

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