Ohne Artenvielfalt keine Schokolade?

Junge Frau mit Notizbuch vor einer Kakaopflanze

Schon als Kleinkind tyrannisierte ich nachts meine arme Mutter, nach „Kakaoli“-schreiend. Bis heute liebe ich heiße Schokolade. Wie wichtig eine natur- und umweltschonende Anbauweise bei Kakao ist, beweist eine großangelegte außergewöhnliche Studie in Sulawesi, Indonesien. Durchgeführt wurde diese von der Tropenökologin Dr. Bea Maas, deren Scharfsinn und Fleiß ich schon bei einer gemeinsamen Uni-Reise 2007 kennenlernen durfte.

Die Bedeutung der Erhaltung der Biodiversität ist in den letzten Jahren immer klarer geworden, die Dekade 2011 bis 2020 wurde von der UNESCO sogar zur Internationalen Dekade für Biodiversität erklärt. Der Begriff Biodiversität umfasst die Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten, aber auch die Vielfalt der Lebensräume, sprich Ökosysteme. Doch ist es wirklich so wichtig jede Art zu bewahren? Brauchen wir in Österreich 650 Bienenarten? Oder braucht es 69 Vogelarten und mindestens 13 bekannte Fledermausarten in den Kakaoplantagen Sulawesis?

Was ist eine Ökosystemleistung?

Das Wort „Wert“ wird in unserer Welt meistens automatisch mit dem finanziellen Wert gleichgesetzt. Und wird nicht mittlerweile alles mit Geld aufgewogen? Um auch den wirtschaftsorientierten Menschen den Wert von Biodiversität näher zu bringen, wird seit einiger Zeit der Begriff der Ökosystemleistung geprägt.

Natur und Umwelt erbringen uns Menschen rund um die Uhr gratis Dienstleistungen, wie zum Beispiel die Filterung von Wasser und Luft durch Pflanzen, die Bestäubung durch Bienen, Lawinenschutzwälder etc. Wird ein Lawinenschutzwald gefällt, oder entfällt die Filterung der Luft durch Pflanzen, müssten diese Leistungen technisch, chemisch oder anders ersetzt werden. Die dabei anfallenden Kosten entsprechen dem ökonomischen Wert von Ökosystemleistungen.

Wichtiger Kakaoproduzent

dunkelhäutiger Asiate unter einem KakaobaumDie Insel Sulawesi, etwa halb so groß wie Deutschland, ist mit 1,5 Millionen Hektar Kakaoplantagen der größte Kakaoproduzent Indonesiens, und Indonesien der drittgrößte der Welt.

Die einheimischen Bäuerinnen und Bauern kämpfen tagtäglich um ihr Überleben, wodurch zunehmend Landnutzungsfläche in Anspruch genommen, und die illegale Abholzung zur Gewinnung von Ackerflächen ein massives Problem wird. Letztere macht nicht einmal vor den Nationalparks Halt. Bea Maas konnte die Abnahme des tropischen Regenwaldes über 6 Jahre hinweg beobachten. Innerhalb dieser Zeit verlagerte sich die Grenze des Waldes zugunsten des Ackerlandes um mindestens 6 km! Wie könnte man also den Einheimischen unter die Arme greifen und gleichzeitig die Natur schützen?

Vögel und Fledermäuse steigern den Ertrag

2 Hornvögel in einem BaumÜber zwei Jahre studierte die Tropenökologin Bea Maas im Napu Tal (Zentralsulawesi) 15 Kakaoplantagen und die Effekte von Insekten fressenden Vögeln und Fledermäusen auf den Ertrag einzelner Kakaobäume. Durch einen experimentellen Ansatz wollte sie die positiven Auswirkungen von Biodiversität auf den Kakaoertrag nachweisen und wurde durch das deutliche Ergebnis selbst überrascht!

In 15 Kakaoplantagen wurde über zwei Jahre hinweg der Ertrag mehrerer Bäume gemessen und mit „Ausschlussexperimenten“ von Vögeln und Fledermäusen verglichen. Für dieses Experiment wurden einzelne Kakaobäume mit Netzen umgeben um den Zugang von Vögeln und Fledermäusen selektiv zu verhindern. Ein realistisches Szenario, wenn man den massiven Rückgang von Biodiversität in Folge von Waldverlust bedenkt. Die Kakaobäume in ihrem Experiment wurden mit einem Bambusgestänge umgeben um das ein Netz gespannt wurde, das Vögel und Fledermäuse fernhalten konnte, Insekten und Spinnen jedoch nicht.

Je Plantage gab es 3 „Ausschlusskäfige“:

Mann auf einer Leiter spannt ein Netz um einen KakaobaumEiner wurde rund um die Uhr mit dem Netz umgeben, bei einem wurde das Netz immer in der Nacht entfernt um den Zuflug von Fledermäusen zu gewährleisten und beim dritten tagsüber, so dass Vögel zufliegen konnten.

Die Unterschiede zwischen den Ausschlüssen und den nicht manipulierten Kakaobäumen waren eklatant! Bei den Kakaobäumen, wo Vögel und/oder Fledermäuse ausgeschlossen wurden, war der Ertrag deutlich geringer. Bei den Versuchsbäumen, die rund um die Uhr mit einem Netz umgeben waren, nahm der Ertrag um ganze 31% ab oder umgerechnet um 326 kg/ ha. Die Ökosystemleistung der Vögel und Fledermäuse ist somit (mindestens) 730 USD pro Jahr und Hektar wert! Durch gezieltes Management, wie das Bewerkstelligen von Brutplätzen für Vögel und höhere Diversität von Schattenbäumen im Kakao ließe sich dieser Effekt sicher noch steigern.

Große bunte schöne Raupe frisst an einem BlatWie kann man sich den geringeren Ertrag bei Ausschluss der fliegenden Wirbeltiere jedoch erklären? Fledermäuse und Vögel reduzieren die Schadinsekten auf den Kakaobäumen, bei Ausschluss vermehren sich diese jedoch bestens.

In einer weiteren Studie konnte Bea Maas zeigen, dass die Nähe von Wald bedeutend für effektive Bekämpfung von Schädlingen durch Vögel ist. Waldnähe, die in ihrem Untersuchungsgebiet durch den Lore Lindu Nationalpark in Zentralsulawesi gewährleistet wird, ist daher bedeutend für den Schutz von Artenvielfalt aber auch Schädlingskontrolle, die von hoher Bedeutung für Kleinbauern im Kakao ist.

Kommunikation mit den Einheimischen

Schon während der Versuchsreihe kooperierte die Biologin mit den Besitzern der Kakaoplantage und band sie in ihre Forschungen und Experimente ein. Denn was nutzt eine Studie, die den Wert von Biodiversität beweist, wenn die indonesischen Bauern weiterhin die Vögel töten und deren Brutplätze zerstören weil sie ihren Nutzen nicht erkennen, oder sie allenfalls als geeignete Nahrungsquelle oder Haustiere betrachten? Es braucht Aufklärungsarbeit, denn aus einem Irrglauben heraus, halten die einheimischen Bauern die meisten Vögel sogar für Ernteschädlinge.

Mehrere dunkelhäutige Asiaten sitzen in einer SchulungSeit der Beendigung Ihrer Forschungen im Jahr 2011 reist Bea Maas daher regelmäßig in das Napu Tal in Zentralsulawesi um Vorträge zu halten und organisiert Workshops, schrieb ein Buch für Kakaobauern auf Indonesisch, unterrichtet Studenten an der Universität und hält Vorlesungen. Ziel ist, engagierte Bauern zu Botschaftern im eigenen Land zu machen.

2 indonesische lächelnde Kinder auf einem FahrradSelbstverständlich ist es schwer, das Bewusstsein der Einheimischen zu erreichen, vor allem als europäische Frau, doch ihre Liebe zum Regenwald, zu den Bewohnern, der Kultur und die Not der Bauern treiben sie an. Und das Argument von 730 USD mehr pro Jahr und Hektar hilft in einem armen Land wie Sulawesi, in dem Kleinbauern dominant sind, besonders.

Weiterführende Literatur

MAAS, B., CLOUGH, Y. & TSCHARNTKE, T. (2013). Bats and birds increase crop yield in tropical agroforestry landscapes. Ecology Letters 16, 1480-1487.

Bea Maas

Junge Frau mit leicht rötlichen Haaren mit tropischer Taube in der HandDr. Bea Maas (*1986 ) studierte Ökologie mit den Schwerpunkten Tropen und Naturschutz an der Uni Wien. Bereits für ihre Diplomarbeit reiste sie nach Indonesien (Kooperation mit den Universitäten in Palu und IPB Bogor). An der Universität Göttingen machte Bea Maas ihren PhD in der Abteilung Agrarökologie. Dafür erforschte sie die Ökosystemleistungen von Vögeln und Fledermäusen in indonesischen Kakaoplantagen die nahe am Nationalpark gelegen sind. Bis heute engagiert sich Bea Maas für den Schutz des Regenwaldes in Sulawesi und erforscht Ökosystemleistungen und die Beziehungen von Biodiversität und Landnutzung in den Tropen.

Über Isabell Riedl
Die Natur hat mich schon als kleines Kind fasziniert. Spätestens als ich aufgrund der Schönheit eines Tieres zu Tränen gerührt war, wusste ich, dass es meine Aufgabe ist, diese Welt und ihre Schönheit zu bewahren. Im Zuge meines Ökologiestudiums lebte ich 2 Jahre in Costa Rica, wo ich dessen Vogelwelt erforschte. Seit Mai 2012 arbeite ich nun bei der Werner Lampert Beratungs GmbH im Bereich der Nachhaltigkeit und verwalte unter anderem diesen Blog. Seit 2016 versuche ich diese Welt für mein Kind Ruben noch mehr zu schützen.
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