Der Schmerz der Kühe – Die enthornte Kuh

Kuhherde mit Kälbern beim Almauftrieb

Die Kühe. Und die Hörner; vielmehr: die Kühe ohne Hörner. Es tut mir jedes Mal weh, wenn ich Kühe ohne Hörner sehe. Es gibt ja schon Schulbücher mit Bildern von Kühen ohne Hörnern: So sehen Kühe eben aus. Pragmatisch, realistisch – und eine dreiste, unverschämte Lüge.

Im Großen und Ganzen habe ich „verstanden“, dass das Enthornen der Kühe unter anderem ein Begleitumstand der so genannten „artgerechten“ Tierhaltung ist. Und auch das macht mich traurig, und wütend: wegen des Zynismus und der Perversion, die ich in dieser „Argumentation“ erlebe. Nach den Emotionen bleibt jedenfalls ein tiefes Mitgefühl – für die betroffenen Tiere, und für die betroffenen Menschen: die diesen Widersinn weder bemerken noch fühlen, weder empfinden wollen noch dürfen – weil solch ein Erleben mit den alltäglichen Erfordernissen ihres Berufes bzw. Erwerbes einfach nicht zu vereinbaren wäre.

So ist es auch wenig verwunderlich, was über dieses Thema gemeinhin zu hören ist. Dass die Kühe es ja ohnehin nicht spüren, wenn man ihnen die Hörner „entfernt“ (ich will gar nicht genau wissen, wie); und dass es so einfach „besser“ ist. Weil sie (einander) dann nicht stoßen können, mit den Hörnern eben. Und jüngst sagte mir ein – wirklich ganz lieber – Bio-Bauer, dass er auch keine n Wesens-Unterschied wahrnehmen würde: zwischen den Kühen mit und solchen ohne Hörnern.

Ich habe zwei Jahre auf Bauernhöfen gearbeitet, wo es noch den guten alten Anbinde-Stall gab. Jede Kuh hatte im Stall ihren angestammten Platz, den sie kannte, der ihr vertraut war, den sie auch ganz selbstverständlich aufsuchte, wenn sie abends von der Weide wiederum herein kam zum Melken. Dann streckten alle den Kopf durchs Gatter nach vorne, und ein Riegel wurde umgelegt, sodass der Melker einigermaßen Ruhe hatte bei der Arbeit, während die Kühe am Fressen waren. Wenn alle fertig waren, wurde die Verriegelung wieder geöffnet – alle zogen den Kopf zurück, und legten sich, je nach Bedürfnis früher oder später, zur Ruhe. Bis dahin konnte dieser Platz relativ leicht sauber gehalten und mit frischer Einstreu versorgt werden, sodass die Kühe sauber zu liegen kamen, und selbst sauber blieben. Und welch ein Friede, wenn man später noch einmal in den bereits dunklen Stall kam! Das hing natürlich sehr von der Qualität ab, in welcher der Stall überhaupt geführt wurde; gewiss konnte auch in einem Anbinde-Stall Lieblosigkeit Platz greifen. Ich hatte das Glück, bei einem Bauern zu arbeiten, welcher seine Kühe nicht nur namentlich kannte, sondern auch immer wieder zärtlich streichelte, ja liebkoste.

Kühe stehen im Schnee und schauen in die KameraNun konnte man einwenden, dass die Kuh an ihrem angestammten Platz eben auch angebunden, ja angekettet war. Zudem schien sie im Anbinde-Stall verdammt zu anhaltender Bewegungsarmut, vor allem im Winter. Nun konnte man den Kühen ja jederzeit entsprechend Auslauf verschaffen, was allerdings zusätzlichen Aufwand bedeutete.

Dann kam eben der Freilauf-Stall. Wenn nun die Kühe frei laufen dürfen, entwickeln sie in stärkerem Maße wiederum ein artgerechtes Herdenverhalten. Da geht es unter anderem um Rangordnung, und um entsprechenden Abstand voneinander. Dafür braucht es aber genügend Platz: einen Platz, den der „artgerechte“ Freilaufstall allerdings in den wenigsten Fällen zu bieten imstande ist. Dazu müsste er nämlich ziemlich groß sein (dann würden die Kühe freilich auch weniger in ihrem eigenen Mist stehen bzw. liegen müssen) – und dann wäre so ein Stall natürlich auch ziemlich teuer. Und so sind die Ställe eben meist zu klein, und die Kühe bekommen ganz artgerecht Stress, und beginnen einander ganz artgerecht mit den Hörnern zu stoßen. Und dann gibt es Verletzungen, die natürlich keiner will – also weg mit den Hörnern: So die Denkfigur, soweit sie sich mir erschlossen hat.

Nun schauen Sie aber einmal mit dem Herzen hin, mit einem offenen Herzen! Ganz nach Antoine de Saint-Exupéry, denn auch dieser erkannte:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

enthornte kühe Betrachten Sie eine Kuh, der man die Hörner genommen hat: ein irgendwie sinnlos, deplatziert wirkender Höcker am oberen Ende des Kopfes, insgesamt ein etwas dümmlich-stumpfer, irgendwie entwurzelter und trauriger Ausdruck. Und daneben eine Kuh mit Hörnern – sofern Sie das Glück haben, einer solchen überhaupt noch ansichtig zu werden: Der ganze Kopfaufbau wirkt anders, mit viel mehr Aufrichte-Kraft – und welch erhabener, würdevoller Ausdruck insgesamt, welch weisheitsvoll verinnerlichter Charakter! Warum wohl wurden die Häupter der ägyptischen Göttinnen Hathor und Isis vielfach dargestellt mit Kuhhörnern – die Kitzbüheler Kühe mit Hörnerngelegentlich auch eine Sonnenscheibe trugen? Rudolf Steiner, unter anderem Begründer der biologisch-dynamischen Landwirtschaftsmethode, hat die Hörner der Kuh einmal als ihre „Antennen zum Kosmos“ bezeichnet – unerlässlich auch für eine wesensgemäße, „artgerechte“ – und damit gesundeVerdauung und Milchbildung. Einem fühlenden Schauen erschließen sich solche Gesichtspunkte recht unmittelbar.

Abgesehen davon, was es für das Wesen der Kuh bedeutet: Welche Milch – und welches Fleisch – haben wir dann aber zu erwarten von Tieren, die – aus zweckorientierten Gründen – eines wesen-tlichen Teiles ihrer körperlichen Existenz beraubt und erbärmlich verstümmelt wurden? Um nochmals nachzufühlen, was ich mit Zynismus und Perversion meine, setzen Sie hier statt „zweckorientiert“ einfach „artgerecht“.

Das „genossene“ Produkt ist jedoch nur ein Weg, auf dem wir möglicherweise Konsequenzen unserer Handlungsweise erfahren. Die wesentlichere Frage ist wohl: Was bedeutet es für die Beziehungen unter uns Menschen, ja zu uns selbst, wenn wir uns anderen Wesen gegenüber derart fühl- und respektlos verhalten?

„Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde.“ (Chief Seattle)

Wir können auch umgekehrt sagen: Wie wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen umgehen, so werden wir auch die Tiere, ja die gesamte Schöpfung behandeln. Einem wachen, fühlenden Blick ins Zeitgeschehen werden sich unschwer Zusammenhänge erschließen.

Über Johannes Halsmayer
Abitur / abgebrochenes Studium / zwei Jahre bio-dyn Landwirtschaft / Waldorf-Seminar / zwei Jahrsiebte :-) Waldorf-Klassenlehrer / drei systemische Ausbildungen, allesamt im Outdoor / Forstprojekte mit Jugendlichen (http://bergwald.ch) / Erziehungshelfer / Outdoor-Projekte mit Jugendlichen / Autor
Dieser Beitrag wurde unter Landwirtschaft abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.