Der Schmerz der Kühe – La vache qui rit

„Artgerechte Tier-Haltung“, so gut sie gemeint sein mag, ist meines Erachtens ein Widerspruch in sich: denn welchem Tier wird man schon „gerecht“, wenn man es hält? Ohne all die vielen Bemühungen schmälern zu wollen, das oft so erbärmliche Los der Nutztiere in irgendeiner Weise zu erleichtern: artgerecht reimt sich in meinen Ohren allzu sehr auf selbstgerecht, klingt nach Alibi und schlechtem Gewissen.

Oft scheint dabei auch – gerade bei „Bio“ – als ideeller Maßstab das Bild der nicht domestizierten Form im Hintergrund zu schweben. Ich halte das für ebenso unnötig wie irreführend; Haustiere sind mit den entsprechenden Wildformen nur sehr bedingt vergleichbar. Konsequenterweise müsste man sie als eine je eigene Art betrachten: zu der eben die Nähe zum Menschen bzw. die Abhängigkeit von ihm wesensgemäß hinzugehört. In diesem Sinne müsste allerdings in die Betrachtungen über artgerechte Tier-Haltung als eine weitere, entscheidende Konsequenz etwas mit einbezogen werden, was für mein Empfinden meist ausgeblendet bleibt: das Wesen des Menschen, und seine Art. Aus welchen Motiven hält ein Menschen ein Tier, was ist seine Haltung, und wie gestaltet er seine Beziehung zum Tier? Diese Frage hat neben dem allgemeinen durchaus einen sehr individuellen Aspekt – dies im Hinblick auf die heute so „beliebten“ Verordnungen, die dem einzelnen nur noch eine Verantwortung überlassen möchten: ihnen eben nachzukommen.

Im besten Falle wird die Beziehung zum Tier getragen sein von Respekt und Mitgefühl, wenn nicht von Liebe. Und von Dankbarkeit: dass das Tier sich dem Menschen mit seiner Arbeitskraft und seinen „Produkten“ zur Verfügung stellt. „Ehrfurcht vor dem Leben“ hieß es bei Albert Schweitzer. Aus einer solchen Haltung wird sich auch eine entsprechende Tier-Haltung ergeben. Und da mag es durchaus sein, dass sich ein liebevoll gepflegter Anbinde-Stall mit gehörnten Rindern als viel „artgerechter“ erweist als ein noch so gut gemeinter Freilaufstall – in dem die Kühe das bisschen Mehr an „Freiheit“ mit dem Verlust ihrer Hörner bezahlen müssen.

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Die Kuh, die lacht – „La vache qui rit“ – ist der Name eines bekannten französischen Schmelzkäses. Wie viel oder wie wenig Grund sie auch sonst zum Lachen haben mag: die Kuh auf der Verpackung hat immerhin noch Hörner. Lassen Sie mich nun erzählen von einer Kuh, die weint.

Vor einiger Zeit war ich drei Tage allein unterwegs im Gebirge. Ohne in irgendeiner Weise danach gesucht zu haben, zeigte es sich, dass mir die Kuh zu einer Art Weg-Begleiterin wurde.

Am ersten Abend hatte ich mein Lager in einem kleinen Wäldchen aufgeschlagen. Bis weit in die Dämmerung hinein brüllten auf der Weide draußen die Tiere, wie ich es sonst nur kannte, wenn sie auf dem Rückweg zum Stall vor einem geschlossenen Tor warten mussten, wenn sie Hunger oder Durst hatten, oder wenn niemand zum Melken kam. Nach einiger Zeit ging ich nochmals nach draußen zur Herde, um nachzusehen – ohne allerdings einen Grund für das anhaltende Gebrüll zu finden: Wasser gab es genug, Gras ebenso, und ohne weiteres hätten sie zur nahe gelegenen Alm gehen können. Was blieb war einfach der Eindruck, dass die Tiere sich irgendwie vernachlässigt bzw. im Stich gelassen fühlten. Und am anderen Morgen ging es um vier Uhr schon wiederum los.

Im Verlauf dieses zweiten Tages fügte es sich, dass mir zum Thema Hörner ein unmittelbarer, eindrücklicher Vergleich vor Augen geführt wurde. Schauen – und fühlen – Sie selbst.

4 Kühe auf der Weide, eine mit Hörnern

Kuhherde blickt in die KameraDann der dritte Tag. Schon am Morgen treffe ich, oberhalb der Baumgrenze, wiederum auf eine Herde. Meiner Erfahrung nach sind die Tiere in derart exponierten Situationen nicht unbedingt zugänglich; und auch ich habe gerade keine Lust auf „Kontakt“. So will ich meinen Weg eigentlich an der Herde vorbei nehmen. Da brüllt eine von ihnen – und plötzlich kommt die ganze Herde auf mich zu, drängt sich förmlich an mich heran – wie mit einem stummen Anliegen. Natürlich geht es dabei möglicherweise einfach auch nur darum, dass sie von mir Salz erwarten; ich jedenfalls freue mich, freue mich über die verschiedenen Physiognomien, den individuellen Ausdruck des Wesens, der ja auch bei enthornten Tieren wahrnehmbar ist, und über die wunderbar sauberen, augenscheinlich kerngesunden Tiere.

Ein wenig später kommt es dann zur letzten, entscheidenden Begegnung. Wiederum streife ich durch eine locker im Gelände verteilte Herde von Kühen, als eine von ihnen nachgerade absichtsvoll auf mich zukommt. Ohne die „übliche“ Zurückhaltung schiebt sie mir ihr feuchtes Maul entgegen, lässt sich ein wenig kraulen. Da drängt in mir plötzlich ein Impuls herauf, dem ich ganz spontan Folge leiste: Stellvertretend für alle Mitglieder unser beider Rassen bitte ich die Kuh um Vergebung – für das, was ihr und ihnen da angetan wurde, und immer noch wird. Die Kuh schnaubt, ruckt mit dem Kopf auf und ab – da sehe ich, wie dicke Tropfen aus ihren Augen springen. Kaum traue ich meinen Augen, schaue nochmals hin: Tatsächlich, die Kuh weint…

Und ich will gar nicht wissen, ob es dafür vielleicht auch irgendeine bloß physiologische Erklärung gibt. Ich habe einfach das Gefühl, dass in diesem Augenblick etwas geschehen ist.

Über Johannes Halsmayer
Abitur / abgebrochenes Studium / zwei Jahre bio-dyn Landwirtschaft / Waldorf-Seminar / zwei Jahrsiebte :-) Waldorf-Klassenlehrer / drei systemische Ausbildungen, allesamt im Outdoor / Forstprojekte mit Jugendlichen (http://bergwald.ch) / Erziehungshelfer / Outdoor-Projekte mit Jugendlichen / Autor
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