Tierwohl, gibt es das?

Braune Kuh mit Hörnern auf der Alm

Vielleicht fange ich an, als die Nutztiere noch Haustiere waren.

Jedes Vieh hatte seinen Namen und seinen Platz. Vom Frühjahr bis Sommer waren die Rinder auf der Weide und nur zum Melken kamen sie in den Stall. War die Weide weiter entfernt vom Haus, mussten die Tiere geweidet werden. Man trieb sie hinaus und passte auf sie auf. Wir schnitten Lianen zu Zigaretten, rauchten die Lianen bei den Kühen auf der Weide. Am Abend war uns kotzübel.

Also suchten wir andere Beschäftigungen. Wir sangen für die Kühe und spielten für sie. Ich las ihnen Gedichte vor. Ganz nahe standen sie um mich herum, Horn zu Horn, und hörten mir zu. Schon als Kind war mir klar: Tiere verstehen mehr als wir, über den Lauf der Natur, über das Naturgegebene. In ihrer unbeschreiblichen Stummheit drücken sie ihre Ahnung, ihr Wissen über die Zusammenhänge der Natur, die uns verschlossen sind, aus.

Eine besondere Freude war mir Schweine zu hüten. Da wollte keiner meiner Freunde mitmachen.
Ich liebte ihre Fröhlichkeit, den Witz, den Schalk. In ihrem Spieldrang kannten sie keine Grenzen. Schweinen liest man nicht vor, die unterhalten dich. Mit rotem Kopf staunte ich über ihre Gaudi. Und, Schweine sind nicht nur gescheit, sondern auch unglaublich sozial. Schweine waren mir immer ein Wunder und begeisterten mein Herz.

Von ihrer Lebensfreude, ihrer Unbekümmertheit sollten wir etwas für unser Leben gewinnen.

 

Bärtiger Mann mit 3 behornten Kühen auf der AlmDann gab es noch Hühner. In einem großen Areal mit Hochstammobstbäumen scharrten sie von der Früh bis in den Abend, sangen und redeten miteinander. Hatte ich sie am Abend zu spät in ihren Stall gesperrt, holte von Zeit zu Zeit ein Fuchs ein Huhn. Das war der Preis meiner Unaufmerksamkeit.

Die Hühner legten Eier oder keine. Einmal im Jahr mauserten sie um zu regenerieren. Für diese Zeit sorgte meine Oma vor. Die Monate vor dem Mausern legte sie die Eier in einen Steinguttopf mit einem Wasserglas.

„Doch frage nur die Tiere, sie lehren es Dich“ Hiob, 12,7

Diese Welt ist untergegangen. Die Haustiere wurden zu Nutztieren und sie haben uns zu Nutzen zu sein. Wir sind vom Partner der Tiere zum Hüter der Tiere geworden und nun zum Herrscher. Und, wir nehmen uns das Recht, die biologische Evolution der Tiere mit technischen Mitteln weiter zu führen. Ein Zurichten der Tiere durch biotechnische Maßnahmen. Life science! Nutztiere haben zu funktionieren!

Effektivität und Maximalisierung – die Hörner der Rinder müssen weg, die Belegung im Stall wird erhöht, bei den Rindern, den Schweinen und den Hühnern. Platz kostet Geld. Diese Maxime leitet uns im Umgang mit den Tieren. Der maximale Ausbeutungsstandard ist das Ziel.
Massentierhaltung, Qualzucht sind die Ergebnisse. Nur mit höchstem Medikamenteneinsatz sind diese Systeme aufrechtzuerhalten. 70% der in Deutschland verabreichten Antibiotika gehen in die Tierhaltung. Es landet mit der Jauche auf den Wiesen, Äckern, im Grundwasser und selbstverständlich auf unserem Teller, in unserer Ernährung.

Tierwohl, gibt es das?

Lesen Sie nun Teil 2 des Beitrags!

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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