Kräuter und Erfahrungen sammeln – Über den Wolken in Südtirol

Blick über leicht nebeliges Alpen-Bergtal

Nachdem ich ein Praktikum frühzeitig beendet hatte, hatte ich ein ganz besonderes Gut zur Verfügung, um das mich viele beneidet hätten: Zeit. Nachdem ich einige Tage einfach nur mit Genießen verbracht habe, ist in mir der Gedanke gekeimt mit meiner Zeit etwas (für mich) Sinn- und Wertvolles anzufangen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, in einem biologischen Betrieb mitzuhelfen.

Ich lege großen Wert auf naturbelassene Lebensmittel und finde es erstrebenswert Bio auch in anderen Lebensbereichen weiter auszubauen. Über die Organisation WWOOF Österreich hat es mich dann auf einen Bio-Kräuterhof in Südtirols Bergen verschlagen. In 1.400 Metern Seehöhe, gefühlsmäßig über den Wolken, bin ich für zwei Wochen bei einer Familie eingezogen und habe dort einen freiwilligen Arbeitseinsatz getätigt. Was bedeutet: Gegen Kost und Logis habe ich meine Arbeitskraft in den Dienst des Familienbetriebs gestellt. Erhalten habe ich aber viel mehr als Essen und ein Bett: Naturerleben, Erfahrungsschätze, Wissen über den Kräuteranbau, Herzenswärme, Dankbarkeit, stramme Beine (an die steilen Hänge muss man sich erst gewöhnen) und vieles, vieles mehr.

Große blühende KönigskerzenJeder Tag hat um acht Uhr mit einem Frühstück begonnen. Danach wurden die Bergschuhe geschnürt, der Strohhut aufgesetzt und mit einem Korb zunächst in den Garten gegangen, um die Blüten der Königskerzen und der Mohnblumen abzupflücken. Anfangs habe ich Wehmut dabei empfunden. Die Blütenpracht war nicht nur schön anzusehen, es tummelten sich auch dutzende Bienen dort, mit denen ich beinahe um jede Blüte kämpfen musste. Doch bereits am nächsten Tag waren mindestens wieder genauso viele Blüten da.

Den weiteren Vormittag verbrachte ich immer unterschiedlich. Ich jätete Unkraut, erntete Kräuter, leerte die Trocknungsgeräte, mischte Teesorten und vieles mehr. Um zwölf Uhr wurde gemeinsam Mittaggegessen. Die Südtiroler Küche hat mich von Anfang an begeistert und nach körperlicher Arbeit (die ich ja nicht gewohnt bin) schmeckt es einfach noch besser. Nach der Mittagsruhe ging es zumeist hinaus aufs Feld, wo wieder Blütenernte am Programm stand. Kornblume, Ringelblume, Malve, Goldmelisse und Römische Kamille mussten täglich abgepflückt werden. Besonders das Ernten der Blüten der Goldmelisse ist eine langwierige Arbeit: Hat man endlich einen großen Joghurtbecher voll zusammen, schrumpft die Menge nach der Trocknung gehörig, bis man schlussendlich alles wieder in einer Hand unterbringt.

Ich habe täglich zwischen sieben und acht Stunden gearbeitet. Es war schweißtreibend und teilweise sehr anstrengend, aber auch sehr schön. Man spürt die Verbindung zur Natur und beginnt den Wert dessen, was sie uns schenkt, noch mehr zu schätzen.

Ich war nicht die Erste, die dort positive Erfahrungen sammeln durfte, bereits viele vor mir waren gekommen und kommen seither immer wieder um die Familie zu unterstützen. Ohne den Einsatz der Freiwilligen könnte sie nicht von den Erträgen aus dem Kräuteranbau leben. Die Arbeit würden drei Erwachsene alleine nicht bewältigen und jemanden anzustellen wäre nicht im Budget enthalten.

Der Weg bis eine Teemischung hergestellt ist, ist ein langer.

Gelbe abgerupfte BlütenAm Hof wird alles von Hand gemacht, nur die Trocknung der Pflanzen erfolgt mit elektrischen Trocknungsgeräten. Die Kräuter werden per Hand geerntet, die Teesorten per Hand vermischt und anschließend handverpackt. Auch der Verkauf der liebevoll hergestellten Produkte erfolgt größtenteils von Hand zu Hand auf Märkten. So kann der Kunde nicht nur alles rund um die Produktion erfahren, sondern erhält wertvolle Tipps darüber, welches Kraut die Kräuterbauern selbst bei bestimmten Wehwehchen verwenden.

Nachhaltigkeit ist für die Bewohner des Kräuterhofes nicht bloß ein Marketingkonzept, es ist ein Prinzip, das sie durch und durch leben. Von den Kräutern und Blüten wird alles verwendet – vom Stängel bis zur Knospe – aus dem, was nicht für Tees oder als Gewürz verarbeitet werden kann, werden Kräuterkissen gemacht. Beim Anbau und bei der Ernte wird der Stand des Mondes beachtet. Jede Blütenknospe, jede Rose – obwohl es in der Blütezeit täglich Körbe voll gibt – wird als Geschenk betrachtet und auch so behandelt. Es ist schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die aus voller Überzeugung und mit Leidenschaft das tun was sie tun. Es ist erstrebenswert, dass viele Produkte, die durch so eine liebevolle Handhabe entstehen, im Handel erhältlich sind. Der Konsument profitiert beim Kauf auf mehreren Ebenen.

Ich habe meine Zeit also definitiv sinnvoll genutzt. Ich habe geholfen, gelernt und so vieles erhalten. Es war bestimmt nicht meine letzte Begegnung mit dem Kräuteranbau und dieser besonderen Familie, die ich nun zu meinen Freunden zählen darf.

Autorin

Junge hübsche Frau mit kurzen rot gefärbten Haaren und schwarzer HornbrilleMarlene Penz wurde 1990 in Zwettl geboren. Nach ihrer Matura war sie für einige Monate als Au Pair in England. Sie studiert seit 2010 Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Neben ihrem Studium absolvierte sie bereits zahlreiche Praktika in der Medienbranche. Im Juli 2015 war Marlene als freiwillige Helferin auf einem Bio-Kräuterhof in Südtirol.

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