Was meinen wir, wenn wir von Regionalität sprechen?

Herr mit Rauschebart und lockigen Haaren

Ich werde heute ein wenig über Zurück zum Ursprung und ein bisschen mehr über die unglaublichen Chancen der Regionen sprechen:

Was meinen wir, wenn wir von Regionalität sprechen?

Wo ich aufwuchs, ging man nach der Sonntagsmesse nicht zum Frühschoppen – so etwas wäre unethisch gewesen, verschwenderisch.

Die Nachbarn sind nach der Messe zusammen gesessen – ohne Alkohol – und sprachen über Gott und die Welt. Kaum kam die Rede auf Gott, fiel stereotyp: „Was Gott durch einen Berg getrennt hat, sollte der Mensch nicht durch einen Tunnel verbinden.“ Und schon sind wir mitten drinnen im Thema!

Was ist Regionalität?

  1. Offensichtlich ein geographischer Raum, der in diesem Fall von einem hohen Berg begrenzt wird. Begrenzt im wahrsten Sinne des Wortes!
  2. Die Region ist ein sozialer Raum:
    > Wir sind anders als die hinter dem Berg.
    > Wir haben eine gemeinsame Wertvorstellung: katholisch, arbeitsam, leistungswillig, diszipliniert, Nachbarschafts-orientiert -> braucht ein Nachbar Hilfe, steht man zusammen! Der soziale Raum wurde durch einen Konsens im Werturteil geprägt, aber auch in der gemeinsamen Abwehr gegen die hinter dem Berg!
  3. Regionalität ist vielleicht auch ein Sprachraum: Die hinter dem Berg verstehen uns nicht, verstehen unsere Sprache nicht -> Wird man nicht verstanden, gibt es auch keine Zugehörigkeit.
  4. Die Region ist ganz sicher ein Wirtschaftsraum: Wir sind tüchtig, schaffen Werte und müssen mit unserem mühsam geschaffenen Vermögen die hinter dem Berg, die sich’s gut gehen lassen, aushalten.
  5. Und mit all diesen Vorbehalten sind wir bei der dunklen Seite der Regionalität: Beim Chauvinismus! Er macht uns destruktiv, nährt das Misstrauen, blockiert uns und verhindert wirtschaftliche Prosperität in der Region, das wirtschaftliche Gedeihen der Region. Der Chauvinismus ist der größte Feind der Regionalität!
  6. Prosperität wird nur über das Zugewandtsein geschaffen. Wenn der Lebensstil, die ländliche Kultur, nicht zur Segregation führt. Regionalität beruht auf einem Kulturraum, der unsere Eigenart bestärkt und unser Selbstwertgefühl nährt, auf das wir uns öffnen können, auch für das uns Fremde und das womöglich uns befruchtende.
  7. Und, Regionalität geschieht vor allem in einem Beziehungsraum: in einer stimmigen Verbundenheit mit den regionalen Gegebenheiten.
    In der Vertrautheit entwickelt sich Vertrauen und das schafft ein Milieu, das einem befähigt ein bezogenes Leben zu führen. Man wird bestärkt darin, dass sein Engagement, seine Anstrengung lohnen, es wird einem mit Respekt und Achtung begegnet. Man erfährt, ich werde akzeptiert.
  8. Aber Regionalität ist auch ein Gesundheitsraum: Wir erlernen das in Beziehungskommen, wir entwickeln in einer Stimmung des Angenommenseins unsere empathischen Sinne. Wir begreifen unsere Region als Ganzes und können aus dieser Sicherheit heraus auch Widersprüche zu lassen.

Vielfalt wird als Bereicherung erlebt, sie bewirkt Neugier und Interesse, das sind Vorbedingungen um sich einer Region verbunden zu fühlen.

Der so entwickelte Raum fördert die persönliche Resilienz und ermöglicht so die regionale Resilienz.

Personen sitzen an grünem Tisch auf grüner WieseWarum ich so viel über Beziehung und emotionale Gesundheit spreche? Wahrscheinlich sind nur in diesem Sinne gesunde Menschen, langfristig kooperationsfähig.

Wir sind erst am Anfang einer lebendigen Regionalität. Wir sind nicht mehr als die Herolde des Zukünftigen.

Es wird eine neue Generation benötigen, die neue Formen des regionalen Wirtschaftens entwickeln wird – kooperative Wirtschaftsformen. Partizipation wird der Weg sein. Nicht mehr konkurrierend, sondern radikal solidarisch, nur so lassen sich die zukünftigen Herausforderungen bewältigen.

Diese neue Form des Miteinanders wird der Nährboden sein auf dem gegenseitiges Vertrauen und Verbindlichkeit wächst. Kein Vertrauen ohne Verbindlichkeit.

Zum Beispiel gibt unser Haus – die Hofer KG – unseren Zurück zum Ursprung Milchbauern langfristige Verträge, von 2007 an bis Ende 2020, die Abnahmesicherheit, Preissicherheit und Stabilität in der Zusammenarbeit geben.

Auf dieser Ebene schaffen wir die Sicherheit, dass das was wir unseren Konsumenten versprechen von unseren Produzenten – Bauern – verstanden, akzeptiert und auch umgesetzt, gelebt wird. Solche Vereinbarungen schaffen ein Klima des gegenseitigen Vertrauens!

Vor ca. 2 Jahren ergab eine unabhängigen Studie von Good Brand Trust, dass Zurück zum Ursprung unter den kommerziellen Marken des Landes jene ist, der die Österreicher am meisten vertrauen – wir lagen sogar vor vielen NGOs, wie zB. Greenpeace – dies machte uns sehr stolz und bestärkte uns in unserem Weg.

In Amerika gibt es einen philosophischen Zweig, der sich mit dem Vertrauen auseinandersetzt. Die Quintessenz – Vertrauen ist das größte Kapital, das größte wirtschaftliche Kapital. Diese Philosophen sagten schon vor Jahren voraus, dass die mächtigen, übermächtigen Wirtschaftsunternehmen implodieren werden, wenn sie mit dem Vertrauen der Konsumenten, Benutzer nur spielen und wenn sie die Konsumenten täuschen. Gerade heute sind wir Zeugen, was alles passiert und noch passieren wird, wird Vertrauen missbraucht.

Vertrauen muss täglich neu erworben werden!

Vertrauen ist kein Ruhekissen!

Vertrauen verlangt nach Fairness und Offenheit!

Regionalität hat nur Sinn, wenn sie ernsthaft nachhaltig ist. Regionalität und Nachhaltigkeit geht Hand in Hand.

Wir sprechen von:

zur regionalität1Zwei Punkte möchte ich hervorheben:

  1. Alle unsere Zurück zum Ursprung Produkte haben einen regionalen Bezug, sind regionaltypisch und vermitteln eine regionale Identität! Dazu gehört noch unsere Form der Transparenz, der Nachvollziehbarkeit: jedes gefertigte Produkt ist vom Konsumenten bis zum Ursprungsbauer rückverfolgbar.
  2. Die letzten zwei Jahre ließen wir die Wiesen unserer Heumilchbauern botanisieren. Das Ergebnis: Unsere Bauern haben auf ihren Nutzwiesen 60 bis 80 unterschiedliche Pflanzen – die besten 80, die schlechtesten 40. Eine intensiv genutzte Wiese hat nur noch 6 -10 Pflanzen, von dem was fleucht und kriecht gar nicht zu sprechen. Diese landwirtschaftliche Qualität führe ich auf das Vertragsverhältnis zwischen uns – der Hofer KG – und unseren Bauern zurück.

Gerade bei Fleisch und Milch ist es so, die Qualität des Produktes kommt von dem, was die Viecher fressen. Kaputte Böden – Wiesen – brauchen viele Jahrzehnte bis sie sich wieder erholen, bis sie wieder ihre ursprüngliche Lebendigkeit haben.

2 gefleckte braune Kühe auf der WeideUnd, nur von gesunden, lebendigen Böden und gesunden Tieren bekommen wir gesunde Lebensmittel.

Regionalität heißt auch Ernährungssouveränität. In naher Zukunft werden wir ziemliche Versorgungsprobleme mit Lebensmitteln haben. Regionales Handeln, regionale Entwicklung und eine authentische Regionalität führen schnurstracks zur Ernährungssouveränität.

Das wird noch für die Bevölkerung von hohem Wert sein!

Regionale Ernährungssouveränität versorgt uns mit den nötigen Lebensmitteln, bewahrt uns das Recht und die Möglichkeit unsere Ernährungs- und Agrarpolitik selbst zu bestimmen. Es gibt uns das Recht auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, die unter Achtung von Mensch, Tier und Umwelt hergestellt wird. (aus der DEFINITION VON ERNÄHRUNGSSOUVERÄNITÄT AUS DER DEKLARATION VON NYÉLÉNI 2007)

Und kleine, mittlere landwirtschaftliche Betriebe sind weit, weit produktiver als intensive Betriebe. Bei einem intensiven Milchbetrieb ist der Faktor von Input zu Output lediglich 0,37. Erwirtschaftet wird nur noch ein 37tel von dem was der Betrieb aufwenden muss.

Eine regionale, nachhaltige Entwicklung bringt der Bevölkerung Versorgungssicherheit und Bezogenheit, sie löst die Anonymität auf und schafft Beziehungen zwischen Konsumenten und Produzenten. So entsteht eine neue Qualität an Vertrauen.

Mit regionalen Produkten, regionalen Marken und dem lokalen Raum muss dem Konsumenten so begegnet werden, dass er sich emotional verbinden kann und verankern kann.

Der Weltagrarbericht bringt es auf den Punkt: Die Ernährung der Menschen wird künftig nur eine ökologische, solidarische, partizipative Landwirtschaft bewerkstelligen können. Und ich erlaube mir hinzuzufügen, nur eine Landwirtschaft, die den regionalen Raum bereichert, wirtschaftlich trägt und das soziale Netz der Region stärkt.

Authentische Regionalität steht für: Lebendigkeit, Heimat, Vielfalt, Schönheit, Eigenheit, für einen einzigartigen Geschmack, Tradition, Bezogenheit und verantwortliches Handeln. Authentische Regionalität ist der Gegenwurf und zugleich der Heilboden für all die, die den Tribut an die Moderne zu entrichten haben – Heimatverlust, entwurzelt sein, einen beschleunigten Lebensentwurf ausübend. Das alles führt nach und nach zur Überforderung und zum Orientierungsverlust.

Dafür ist der ursprüngliche, lebendige Beziehungsraum, die Region, der Platz an dem man sich wiederfinden kann. Die Region als Gesundheitsraum – als Wiederfinden-Ort, der Ort, an dem man wieder Bezogen sein darf.

Regional Handeln aus Verantwortung für sich und die Anderen und aus Verantwortung für die nachkommenden Generationen.

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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