Geld, Geldanlage, Zinsertrag – Verständnisprobleme?

Münztürme

Die Begriffswelt der Geld- und Finanzwirtschaft erscheint vielen unklar und verwirrend. Wenn man von Geld, Geldanlage, Kredit und Zinsen die Rede ist, dann tun sich sehr bald Verständnisprobleme auf. Eine korrekte Definition und Verwendung der Begriffe ist allerdings Voraussetzung dafür, geld- und finanzwirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Ein verhedderter Wollknäuel ist dazu da, entwirrt zu werden. Ebenso kann man es als einer der wichtigsten Denksportaufgaben unserer Zeit auffassen, die Verflechtungen der Geld- und Finanzwirtschaft aufzuklären und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, um eine zukunftsfähige Finanzarchitektur zu gestalten.

Der Begriff GELD umfasst nach neuerer Definition Münzen, Banknoten und Girokonten, die dem Zahlungsverkehr dienen. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend oder geheimnisvoll, ist es auch nicht. Etwas komplizierter wird es schon, wenn man das Geld auf der Bank anlegt. Erstens handelt es sich dann nicht mehr um Geld im eigentlichen Sinne, sondern um eine GELDANLAGE, zweitens fällt ein positiver ZINSERTRAG an. Spareinlagen bei Banken erbringen also im Gegensatz zu Geld einen Zinsertrag. Der Zinssatz muss positiv sein, sonst würde niemand sein Geld auf die Bank tragen sondern zuhause bunkern. Ein positiver Zinssatz erfüllt gleich zwei wichtige Zwecke. Die Leute legen ihr überschüssiges Geld, das sie nicht für Zahlungszwecke benötigen, auf der Bank an. So steht das Geld dem Wirtschaftskreislauf wieder zur Verfügung. Im Gegenzug kann die Bank aufgrund der Spareinlage an andere Wirtschaftsteilnehmer KREDITE vergeben.

Doch leider haben Zinsen auch gravierende Nachteile. Insbesondere Personen mit hohen Geldvermögen werden durch Zins- und Zinseszins – sozusagen von alleine – immer reicher. So erhält ein Millionär für seine Geldanlage bei einem Zinssatz von 1% einen Zinsertrag von 10 000€ für jede angelegte Million. Ein solcher unverhältnismäßiger Vermögenszuwachs ist ein Privileg der Reichen: Wo viel Geldvermögen ist, kommt immer noch mehr dazu. Können wir es so ohne Weiteres tolerieren, wenn die Reichen – wie von selbst – immer reicher werden? Wie kommen die Zinserträge der Reichen eigentlich zustande, wer „bezahlt“ diese letztendlich? Ist es nicht die arbeitende Bevölkerung, vorrangig die Mittelschicht, die den Zins und Zinseszins der Vermögenden verdienen und erwirtschaften müssen? Ist es letztlich nicht eine Umverteilung von Geldvermögen von „unten“ nach „oben“?

Noch ein weiterer Nachteil unseres Zinssystems soll hier angesprochen werden. Private Haushalte, Unternehmen und Institutionen müssen für bankenübliche Kredite Zinsen bezahlen. Dies erschwert die Finanzierung von Investitionen und birgt die Gefahr einer langfristigen finanziellen Abhängigkeit, nicht nur für Haushalte und Unternehmen, sondern auch für Staaten. Ist nicht jeden Tag in den Medien von Überschuldung, Umschuldung und Entschuldung die Rede? Es stellt sich also die Frage: Wie kann man die Zinsbelastung von Haushalten, Unternehmen, Institutionen und Staaten wirksam reduzieren?

Wenn die Analyse bis hierher richtig war, dann ergeben sich zwei wichtige Schlussfolgerungen. Erstens müssen hohe private Geldvermögen höher besteuert werden, um den Zins- und Zinseszinseffekt zu neutralisieren. Die bisherige Zinsertragsteuer (Kapitalertragsteuer) von 25% wird dazu nicht ausreichen. Das obige Beispiel vom Millionär verdeutlicht, dass es nicht genügt, nur die Erträge zu besteuern. Mit einer VERMÖGENSTEUER könnte man exponentielle Zuwächse bei den privaten Geldvermögen wirkungsvoll beschränken, z. B. mit einer Vermögensteuer auf alle risikofreien Geldanlagen von 3% und Jahr (Spareinlagen bei Banken, Staatsanleihen u.a.). Ein großzügiger STEUERFREIBETRAG kann dazu dienen, die Kleinsparer zu schonen. Eine solche Vermögensteuer könnte außerdem nachhaltig zur Entschuldung des Staates beitragen. Zweitens sind Finanzierungsinstrumente gefragt, mit denen sich Haushalte, Unternehmen und Institutionen günstig finanzieren können. Staatlich bezuschusste, zinsfreie oder zinsverbilligte FÖRDERKREDITE könnten dazu beitragen, die Zinsbelastung zu reduzieren und die Finanzierung von privaten Investitionen zu erleichtern.

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Zusammenfassung:

Zunächst muss man klar zwischen den Begriffen Geld und Geldanlage unterscheiden. Geld erfüllt ausschließlich Zahlungszwecke. Geldanlagen bezeichnen hingegen Spareinlagen bei Banken oder Staatsanleihen und sind mit einem Zinsertrag verbunden. Dieser schafft für Kleinsparer einen Anreiz zum Sparen. Gleichzeitig erscheint es geboten, die Verzinsung hoher, privater Geldvermögen zu beschränken. Dies kann mit Hilfe einer Vermögensteuer erfolgen. Zum Schutz der Kleinsparer kann ein großzügiger Freibetrag eingeräumt werden. Weiters gilt es, die Zinsbelastung von Haushalten, Unternehmen und Institutionen zu reduzieren. Ein geeignetes Instrument hierfür sind staatlich geförderte, zinsverbilligte Förderkredite.

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Wien, 11.11.2015

Christian Fahrbach

christian.fahrbach@web.de

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Über Christian Fahrbach
> Christian Fahrbach, Jahrgang 1963 > Freiberuflicher Autor und Lektor zum Thema Low-Profit > Nach technischem Studium postgraduale Fortbildung an der TU Wien in Finanzwirtschaft und Ökonometrie > Präsentationen auf der Statistischen Woche in Wien, in der Austrian Working Group on Banking and Finance und in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen > BUCH zum Thema Low-Profit, Wien, Münster, 2014 www.lit-verlag.de/isbn/3-643-50588-0
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  • Die geforderte Vermögenssteuer gibt es bereits. Sie heißt Inflation. Deshalb wird niemand mit Zinsen reich. In der derzeitigen Niedrigzinsphase verliert man sogar Kaufkraft. Manche Investoren akzeptieren sogar schon Zinsen unter 0. Die sind dann eine Art Verwahrungsgebühr und Diebstahlversicherung.

    Was wir meines Erachtens brauchen, ist eine Erbschaftssteuer, um große Vermögen wieder in den Geldkreislauf zu bringen. Die muss aber auf alle, nicht nur auf risikolose Geldanlagen anfallen. Die rechtliche Unterscheidung zwischen risikolosen und riskanten Geldanlagen ist schwierig, denn hier ist viel Platz für Kreativität. Ich kann z. B. einen Future auf fallende und denselben auf steigende Kurse kaufen. Jeder für sich ist riskant, also nach deinem Vorschlag steuerfrei, aber in Summe hab ich kein Risiko.

    Ich glaube überhaupt nicht, dass die Zinsen ein großes Problem in unserem Geldsystem sind:

    http://blog.wernerlampert.com/2013/05/zinssystem/

    • Christian Fahrbach

      Der Unterschied zwischen einer Vermögensteuer und einer Inflation
      besteht darin, dass bei einer Vermögenssteuer ein Steuerfreibetrag wirksam wird, der die Kleinsparer schont, z. B. 200 000€ pro Sparer, während die Inflation alle trifft, Arme und Reiche.

      Um eine Inflation im Interesse Aller zu verhindern, müsste die EZB die Zinsen wieder erhöhen, auch um den SparerInnen wieder einen positiven Zinsertrag in Aussicht zu stellen. Gleichzeitig sollte man aber die Geldvermehrung der Reichen durch eine Vermögensteuer beschränken, z.B. in Höhe von 3% pro Jahr auf alle risikofreien Anlagen (Tages- und Festgeldkonten, Staatsanleihen).

      Dies schließt Erbschaftsteuern – wie von Mario Sedlak vorgeschlagen – und andere vermögensbezogene Steuern natürlich nicht aus.

  • Peter Pokorny

    Hallo!
    Beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit Geldanlagen. Bisher mit eher bescheidenem Erfolg da mir die renditereichen Geldanlagen bisher mit zu hohem Risiko verbunden waren und jene mit höherer Sicherheit zu wenig Rendite gaben. Aber vor kurzem bin ich über diese Seite hier für Kapitalanlagen gestolpert. Nachdem ich mir von deren Leuten ein kostenloses und unverbindliches Anlageangebot erstellen lassen habe mit dem ich seither sehr zufrieden bin kann ich die Seite nur weiter empfehlen.

    liebe Grüße Peter

    • Christian Fahrbach

      Danke für deinen Kommentar und den Tipp. Die Website „Kapitalanlage Vergleich“ bietet einen guten Überblick über verschiedene Anlagemöglichkeiten und ist auch für finanzwirtschaftliche Laien leicht lesbar und gut verständlich.

      Bei Öko- und Solarfonds bin ich allerdings nicht der Meinung, dass diese per se auch eine gute oder sogar überdurchschnittliche Rendite bringen, wie auf der angegebenen Website behauptet. Im Gegenteil, Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften betreiben einen höheren Aufwand, der mit Kosten verbunden ist und daher Gewinne und Renditen schmälert. Viele sind heute ja schon bereit, nachhaltig zu investieren und dafür auch eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen.