Mit gutem Gewissen schmeckt’s besser?

Mann mit Rauschebart in Anzug

4. November 2015, 18:00 Uhr im RadioKulturhaus Wien: Werner Lampert hält einen Vortrag vor dem öffentlichen Podiumsgespräch der Initiative „Guter Geschmack -Gutes Gewissen“:

In der Zeit, in der ich aufwuchs, gab es noch viele Bauern, die Selbstversorger waren. Das war noch eine Kultur der Unmittelbarkeit. Aßen die Bauersleut‘ ihren Sonntagsbraten, war ihnen das Tier, das bei ihnen aufwuchs, noch ganz lebendig. Man vereinnahmte den erlebten Charakter des Tieres.

In ihren Sinnen erinnerten sie sich noch an alle Gegebenheiten:

An den Geruch des Gerstenfeldes auf dem die Futtergerste stand.
An die warmen Sommerabende und die Unwetter.
An die Mühen, an die Arbeit.

Beim Essen begegnete der Selbstversorger seiner ganzen Welt- seiner Welt der Gerüche. Sie schmeckten ihre Welt und fühlten die Wesen, die sie vereinnahmten.

Die Tiere hatten noch keine Ohrmarken, aber dafür einen Namen, der selbstverständlich gegenwärtig war am Mittagstisch.

Der Geschmack der Lebensmittel war der ihres Lebens.

Umso mehr war beim Zusammensitzen und Essen die Zeit der Freude. Umso intensiver feierten sie ihre Feste.

Heute z.B. produzieren Milchbauern 50% ihrer Milch für den Weltmarkt. Für einen gänzlich ihnen anonymen Markt, für anonyme Verwender. Nach und nach bricht die Bezogenheit. Die Verhältnisse am Hof werden professioneller.

Es wird rationalisiert und maximiert.
Die Felder werden mächtiger,
die Tierhaltung größer und größer.
Nur noch die Großen überleben.

Massentierhaltung breitet sich aus.

70% der in einem Jahr verbrauchten Antibiotika landen in der Landwirtschaft.
Schon daran erkennt man den Druck, dem die Bauern und das Vieh ausgesetzt sind.

Die Aufgaben im biologischen Landbau sind, die Anonymität zu brechen.
Verhältnisse zwischen Bauer und Konsument herzustellen, die denen der Selbstversorger ziemlich nahe kommen.

Eine devastierte Umwelt, geschundene Tiere, können keinen Genuss bereiten. Da ist immer die ganze Leidensgeschichte der Natur, der Tiere mit auf dem Tisch.

Das Wissen, woher das Lebensmittel kommt, wie es wuchs, wie es gehalten wurde, welcher Bauer hinter dem Lebensmittel steht, all das sind notwendige Schritte
vor dem Genuss, vor dem Genießen können.

Im biologischen Landbau brechen wir ganz bewusst die Anonymität.
Wir stellen Beziehungen her, wir legen offen, was auf den Bauernhöfen geschieht,
wie gearbeitet wird.

Für unsere Bauern ist das selbstverständlich.

Dieses Wissen ist die Vorbedingung für ein gutes Gewissen beim Kochenden, bei den Genießenden und den Bauern, von denen die Lebensmittel kommen.

Der biologische Landbau kann die Welt nicht heilen und schafft nicht das Paradies auf Erden. Aber wir arbeiten an Verbindlichkeiten, Verlässlichkeiten und Vertrauen.

2 Männer sitzen auf einem podium auf gelben StühlenWir sind auf dem Wege die Natur und die Landwirtschaft miteinander zu versöhnen; das Gegeneinander, das Ausbeuten der Natur, das Ausbeuten der Tiere zu beenden.

Versöhnung schmeckt immer gut und daher schmecken biologische Lebensmittel einfach besser und verhelfen Ihnen beim Genießen zu einem guten Gewissen.

Verbindlichkeit und Verlässlichkeit sind die Grundsteine einer Vertrauensbeziehung, und nur wo wir vertrauen können, genießen wir bei gutem Gewissen.

Ja, und dann gibt es noch das weite Feld der Qualität.

Qualität beginnt definitiv schon bei der Geisteshaltung des Bauern.

Und die Qualität der Tierhaltung zielt schnurstracks auf unsere Integrität
auf unser Menschsein.
Nehmen wir Tierleid in Kauf
bewusst oder unbewusst
verlieren wir die Achtung vor uns selbst.

Eines Tage wird untersucht werden, welche Auswirkung der BSE Skandal, die vor aller Augen vorgeführte Vernichtung von Abermillionen Tieren, die Vorführung der Wertlosigkeit von Leben, auf den Umgang mit den Tieren in der Landwirtschaft gehabt hat und immer noch hat.
Es war ein langer Weg vom Tier als Familienmitglied zum verdinglichten Tier, zum Nutztier.

Und es wird noch ein längerer Weg sein zum Tier als Partner in der Landwirtschaft.

Qualzucht bezeichnet nicht nur das sichtbare Quälen, von Qualzucht müssen wir auch reden, wenn Tiere in der Zucht so gezüchtet werden, dass sie sich nicht mehr von ihrem angestammten Futter ernähren können.

Wenn Kühe statt Gras und Heu und etwas Gerste, Proteine, Mais, Soja, Propylenglykol- ein Erdölderivat, geschützte Aminosäuren und dergleichen mehr brauchen um am Leben erhalten zu werden, um in der Produktion noch nützlich zu sein. Dann sprechen wir mit Fug und Recht von Qualzucht.

Ich habe einmal ein Schweineprojekt gemacht, in dem die Tiere frei in der Landschaft lebten. Busweise sind Menschen hingefahren, um die Lust, die Freude, die Wildheit, die Intelligenz der Schweine in der Freiheit zu erleben. Die Freiheit der Tiere wirkte wie ein Magnet auf die Menschen. Wer das Blitzen ihrer Augen sah, die Lust beim Suhlen, den unstillbaren Spieltrieb, die Gaudi, die sie miteinander hatten, wird das nie mehr vergessen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass nur die Natur, die Tiere ernstgenommen in ihrer Gesundheit, in ihren Bedürfnissen, uns zukünftig ernähren werden können.

Die Zurichtung der Tiere führt uns alle in die Sackgasse und es wird auch eines Tages als Sackgasse erkannt werden und erlitten werden müssen.

Reduzieren wir unseren Fleischgenuss.

Und die Tieren, die wir brauchen, denen gewähren wir ihre Lebendigkeit, und ein ihrer Art entsprechendes Leben. Tierleid, Antibiotika, Pestizide und andere agrochemische Rückstände unterminieren die Qualität unserer Lebensmitteln. Und auch die maßlose Steigerung von Erträgen mindern die Qualitäten im Stall und auf den Feldern.

Bei den Tieren kommt noch dazu:
Angst und Schmerzen

Tiere empfinden nachweislich und erwiesenermaßen Schmerzen.

Der Schmerz der Tiere schreibt sich ein in unsere Lebensmittel, solche Lebensmittel sind unserer Gesundheit abträglich und vor allem unserer Empathiefähigkeit.

Um das verständlich zu machen muss als erstes der Graben zwischen Konsumenten und Bauern überwunden werden.

Wir brauchen ein gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Verantwortung.

Das was wir essen, sollten wir genießen können mit gutem Gewissen. Es sollte uns nähren, unseren Geist und unseren Körper, und unsere Gesundheit fördern.

Durch das, was wir essen, nehmen wir am Leben teil, am Lebendigen, an der Welt.

Nie sind wir dem Nächsten, der Natur, der Welt so nahe, wie beim lustvollen Essen und Genießen.

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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