300 Liter Milch – Versuch einer persönlichen, ganzheitlichen Annäherung

mehrere Bild mit Milch

Wie hab‘ ich es mit der Milch? Über den grünen Klee loben oder Food-Hypes wiederkäuen? Zwei Jahre Stillen haben selbstwirksam meinen Milchkonsum verändert.

Am Anfang ist die Milch

Als Baby wurde ich kurz gestillt, danach gab es Folgemilch für mich, später Kuhmilch aus dem Kühlschrank. Als Kind habe ich Gespräche über Milch aufgeschnappt – meine Großmutter, einstige Großbäuerin und Landwirtschaftslehrerin – „Milch ist gut, nahrhaft und wichtig!“ – prallte damit auf meine Mutter – „Milch wird überbewertet!“.

Als Studentin gab es Licht, Eis, abgetautes Wasser und – Milch – im Eiskasten. Haltbarmilch. Ich fand das eine Zeit lang tatsächlich praktisch.

Später habe ich Artikel gelesen über subventionierte Milch, über Streiks der Milchbauern, über artgerechte Kuhhaltung, über den Fettgehalt der Milch, über Milchersatz aus Getreide, Nüssen und Hülsenfrüchten, über Hochleistungskühe und Kraftfutter, über laktosefreie Milch, darüber, dass Milch schwer verdaulich sei und schleimbildend. Milch ja oder nein? Im Zweifel gewann die Stimme meiner Mutter – „Zu viel Milch verklumpt im Magen.“

Ich war ahnungslos.

Woher kommt unsere Milch?

Warum und wie wird sie haltbar(er) gemacht, welche Stoffe gehen dabei verloren, mit welcher Auswirkung auf unseren Darm, wieviel Milch ist für einen Erwachsenen gesund, was bedeutet pasteurisiert, homogenisiert und ultrahocherhitzt? Was sind die Unterschiede? Außerdem: Wie geht es unseren Milchbauern und Kühen? Warum verteufeln die einen Milch, warum ist sie für andere so eine heilige Kuh? Das Geschäft mit der Milch, Milchpulver, Milchzucker, Milchüberschuss.

Dann kam unsere Tochter auf die Welt. Und damit eine völlig neue Herangehensweise an die Milch. Ich produzierte sie selbst. Zwei Jahre lang – ca. 300 Liter. Weil es ging, weil es sich ganz natürlich anfühlte und uns beiden gut getan hat. Muttermilch ist pick-süß (durch bis zu 200 verschiedene Mehrfachzucker), das erklärt u.a. das spätere Verlangen nach Süße und Wärme und Genuss. Und die Mischung stimmt: Fette, Proteine und Laktose sorgen für die Sättigung, Vitamine, Wachstumsfaktoren und Abwehrstoffe lassen den Portrait eines MilchkalbesSäugling gedeihen und schützen ihn vor Infektionen. Milch ist Nahrung zur Aufzucht, zum Heranwachsen und auch Genuss. Das gilt für Muttermilch, das gilt für Kuhmilch. Kuhmilch ist die Milch zur Aufzucht des Kalbes, diese trinken zu können – darauf haben wir uns gesellschaftlich geeinigt. Das ist nicht überall so selbstverständlich. Es gibt Kulturen in denen Muttermilch von den Babies getrunken wird und dann – nach der Stillphase – nie wieder irgendeine andere Milch.

Durch das Stillen stellten sich mir automatisch andere Fragen: Wieviel Milch braucht der Mensch und bis zu welchem Entwicklungsstadium? Wie kann ich selbst lange Milch geben, trotz Arbeit, wie kann ich auf natürlichem Weg die Qualität meiner Milch steigern? Und das bedeutete auch – wie ist die Qualität der Milch, die ich mir zuführe? Von welchen Kühen kommt die Milch, wie werden sie gezüchtet, wie lange leben sie, wie oft kalben sie? Was sind die ganzen Versprechen aus der Werbung wert, wenn Kühe mit Antibiotika und Kraft- und Gentechnikfutter versorgt werden? Was trinke ich da eigentlich, wen oder welches System unterstütze ich mit dem Kauf von Milch(produkten)?

Auf der Suche nach der besten Milch

Auf der Suche nach der besten Milch habe ich einen Bio-Ernährungslehrgang besucht – während der Stillzeit – und noch genauer hingehört, wenn andere über Milch sprachen. Die meisten waren ahnungslos. Ich habe mich darin wiedererkannt und bin es mit dem Lehrgang angegangen. Ich habe alles über Laktose, Laktase, Unverträglichkeiten, Veganismus, CO 2 Emissionen, Bio-Landwirtschaft, Züchtung, Gentechnik- und Kraftfutter und die Ursprünge der Bio-Landwirtschaft in Österreich gelesen. Das war so vielfältig und unübersichtlich wie Supermarkt-Milch-Produkte-Regale auf mich heute wirken.

Die Essenz der gesamten Information habe ich in einer über fünftausend Jahre alten, ganzheitlichen Lehre – dem Ayurveda – gefunden.

Milch spielt in der ayurvedischen Ernährungslehre eine essentielle Rolle. Sie ist Nahrungsmittel und Träger – kann also die Einnahme bestimmter Kräuter und Gewürze verstärken. Eine ganz besondere Stellung hat dabei das Ghee (ähnlich unserem Butterschmalz). Ghee nährt, macht stark, leitet aus, beruhigt, stabilisiert die Verdauung. Je nach Konstitutionstyp (Prakriti: Vata, Pitta, Kapha) und aktuellem Zustand (Vikriti) wird Ghee und Milch in den täglichen Speiseplan integriert. Jeder Ayurvedaarzt, den ich getroffen und interviewt habe, trinkt Milch und trinkt/isst Ghee (pur oder als hochwertiges Bratfett verwendet). Aber – immer aus biologischer Haltung, immer aus einem regionalen Betrieb. So wie bei allen Lebensmitteln im Ayurveda wird auch bei Milch besonderer Wert gelegt auf: Qualität der Nahrung, Zubereitungsart, Kombination mit anderen Lebensmitteln, Menge, Herkunft, Jahres- Tageszeit, Grundkonstitution und aktuelles Befinden/Bedürfnis (der Verdauung, Stabilität, Lebensphase…). Das Bewusstsein für „Bio“ – kommt im Ayurveda auch aus dem verantwortungsvollen, ganzheitlich betrachteten Umgang mit sich und seiner Umwelt (nachhaltige Landwirtschaft, artgerechte Haltung, Umweltschutz, geringe Transportwege – all inclusive.)

Und – die Lebensmittel sollen im Ayurveda (seit fünftausend Jahren) zur Verstärkung ihrer Wirkung nach dem gehypten „Clean Eating“ Prinzip aufgenommen werden. Frische Lebensmittel, Achtsamkeit bei der Auswahl, regional und saisonal (Ayurveda empfiehlt heimische Kräuter und Gewürze), Vermeiden von (versteckten) Zusatzstoffen und Konservierungsstoffen, keine stark verarbeiteten Lebensmittel. Das bedeutet – Milch so ursprünglich wie möglich zu trinken – u. a. keine länger-frisch Milch, die schleichend Standard wird.

kinderhand hält MilchglasOb Milch nun generell gesundheitsförderlich sein soll oder nicht – diese Diskussion stellt sich beim ayurvedischen Zugang nicht. Es wird das gegessen oder empfohlen, was die eigene Verdauung nicht belastet, um mehr Energie für andere Abläufe zur Verfügung zu haben (Heilung, Kräftigung, Balance, Kreativität).

Richtig eingesetzt ist Milch im Ayurveda ein Rasayana – ein Jungbrunnen. Nahrhaft, erfrischend, reinigend und verdauungsanregend (auch hier gilt wieder der aktuelle Zustand jedes einzelnen, die Qualität der Milch, die Zubereitungsweise, die Einnahme zusätzlicher Kräuter, etc.)

Ayurveda bietet auch eine Antwort auf (Milch)Unverträglichkeiten. Der Darm ist der Schlüssel. Die falsche Kombination von Lebensmitteln, Zusatzstoffe, denaturierte Nahrung, ein ständiges Zuviel, unregelmäßige Essenszeiten tragen dazu bei, dass die Verdauung geschwächt wird und viele Menschen Schwierigkeiten haben, Milch und Milchprodukte zu verdauen. Die Darmgesundheit in den Mittelpunkt zu rücken (nur ein funktionierender Darm kann Inhaltsstoffe der Nahrung verwerten), bedeutet automatisch einen verantwortungsvollen, ganzheitlichen, nachhaltigen Umgang mit sich und seiner Umwelt. Ayurveda verbietet nichts – kein Dogma, Genuss darf sein.

 

Dennoch ist das komplex. Das geht nicht von heute auf morgen. Das Stillen hat mich darauf gebracht – dieser ganzheitliche Zugang, das Einbeziehen vieler Faktoren wirkt stimmig auf mich. Auf jeden Fall stimmiger als viele verbreitete Unsinnigkeiten und Ungereimtheiten. So habe ich in einem einschlägigen Magazin die durchaus ernstgemeinte Empfehlung – aus Nachhaltigkeitsgründen Haltbarmilch zu konsumieren – weil die Kühlkette entfällt, entdeckt.

Ersatzmilch wird gehypt – doch woher kommt das Soya, die Nüsse, der Hafer, wozu werden Vitamine künstlich hinzugefügt? Der Konsum wird verlagert – die Probleme bleiben.

Heumilch-KueheIch wünsche mir mehr Gespräche und Zulassen – auch in diesem Bereich – mehr offenes Ohr und andere Geschichten, die wir einander erzählen: So weiß mein Großonkel, leidenschaftlicher Bauer, zu berichten, dass er früher an den Hörnern der Kühe ertasten konnte, wie oft sie gekalbt haben. Die Hörner haben die Funktion von Speichern, auf die die Kühe zurückgreifen können. So werden Nährstoffe, Mineralien, Spurenelemente aus den Hörnern abgezogen, für das Kalb und die Milchproduktion – so entstehen die Rillen, die er damals als Junge ertasten konnte. Außerdem können die Hörner den Hormonhaushalt der Kuh regulieren. Und beeinflussen damit die Qualität ihrer Milch, die wir dann trinken…

Herzlichst Regina Kail-Urban

Link Empfehlungen

  1. Blog: hausgemachte Ersatzmilch – das Rezept (detoxingmylife.com)
  2. Blog: Welche Milch soll ich kaufen? (utopia.de)
  3. Buch: Unberührte Schönheit- Reise zu den ursprünglichen Kühen der Welt (wernerlampert.com)
  4. Buch: „Ayurvedische Heilkunst“
  5. Buch: Ayurvedisches Kochbuch
  6. Buch: Nachhaltig leben und Nachhaltig leben mit Kindern (ab Mai 2016)
  7. Doku: Das Leid der Turbokühe
Über Regina Kail-Urban
Hallo, mein Name ist Regina. Ich war Moderatorin und Model. Und bin jetzt Trainerin in der Erwachsenenbildung, Bloggerin und Meditationslehrerin… Als ich meinen fixen TV-Job gekündigt habe, um mich viel intensiver dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen, wusste ich noch nicht, was für großartige Menschen, Ideen und Möglichkeiten, (berufliche) Entwicklungen dieser Schritt mit sich bringen würde. Es sind oft kleine Schritte – dann gibt es wieder Rückschritte, Zwischenschritte, Einsichten und viele Aussichten. Was ich auf meiner weglassen-und-zulassen-Reise seit sechs Jahren erlebe, schreibe ich Querbeet auf detoxingmylife.com und jetzt hier, das freut mich sehr und ist ein nächster Schritt zu mehr Nachhaltigkeit in meinem Leben.
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  • Helmut Schmalzl

    Interessanter Artikel!
    Ich empfehle Ihnen die Lektüre von Georg Weidingers „Die Heilung der Mitte“. Das könnte Ihren Zugang zu Milch möglicherweise noch einmal einen anderen „Drall“ geben. Das Buch ist übrigens sehr angenehm zu lesen.
    http://goo.gl/ZRGOud

  • Hallo!

    Ich finde Deine Fragen sehr gut und berechtigt, denn einfach nur nach einem Ersatz im Supermarkt zu greifen ist auch für mich keine Lösung. (woher kommen die Mandeln, das Soja etc und was passiert mit dem Trester?)

    Daher mache ich meine Walnussmilch mit den Walnüssen aus dem Garten selbst.

    https://widerstandistzweckmaessig.wordpress.com/2015/09/24/selbst-gemacht-statt-selbst-gekauft-walnussmilch/

    lg
    Maria

    • Helmut Schmalzl

      Ich denke, dass Kuhmilchersatz im Supermarkt häufig als Produkte aus österreichischem biologischen Anbau angeboten werden. Das ist sicher natürlicher (für Menschen) als Muttermilch von Kühen.
      Mein Favorit ist Yoya Bio Reismilch aus dem Kühlregal.
      Aber deine selbstgemachte Walnussmilch ist sicher noch einen Tick besser und spielt in einer eigenen Liga…
      :-)

  • Pingback: was ich euch über milch sagen will… | detoxing my life()

  • Rein pflanzliche Milch schaut vielleicht so ähnlich wie Kuhmilch aus, hat aber andere Inhaltsstoffe. Bei Zusätzen bin ich vorsichtig, seit ich einmal einen Nierenstein bekommen habe, nachdem ich zu viel Orangensaft mit Calciumzusatz getrunken hatte.

    Ich kann mir nicht vorstellen, auf Milchprodukte völlig zu verzichten, würde sie aber Menschen mit z. B. Laktoseunverträglichkeit nicht empfehlen. Der ayurvedische Zugang („Es wird das gegessen oder empfohlen, was die eigene Verdauung nicht belastet“) ist meines Erachtens der richtige. Milch ist weder unentbehrlich noch Gift.