Auf der Flucht vor dem Klimawandel

Haben Sie schon einmal von Ioane Teitiota gehört?

Ein Mann aus Kiribati, einem Inselstaat im Südpazifik, der durch den steigenden Meeresspiegel langsam versinkt. Ein Mann, der jahrelang um Asyl in Neuseeland kämpfte. 2013 wurde sein Ansuchen endgültig abgewiesen. Denn Klimaflüchtlinge haben keinerlei Rechte.

Das 21. Jahrhundert könnte ein Zeitalter erzwungener Migration werden. Seit jeher treiben Kriege, Naturkatastrophen und Armut Menschen in die Flucht, zwingen sie dazu ihre Heimat zu verlassen. Schenkt man den Prognosen der International Organisation for Migration (IOM) Glauben, wird die Migration aber durch einen neuen Verursacher massiv zunehmen, einen nie da gewesenen Umfang erreichen. Der Klimawandel könnte bis zum Jahr 2050 jährlich 200 Millionen Menschen zur Wanderung drängen (Quelle: EU Infothek).
Gemäß Angaben des Norwegischen Flüchtlingsrats und des International Displacement Monitoring Center haben bereits im Jahr 2014 extreme Wetterereignisse das Zuhause von mehr als 19,3 Millionen Menschen vernichtet. Jährlich werden schon jetzt durchschnittlich 26,4 Millionen Menschen aufgrund extremen Klimas aus ihrer Heimat vertrieben, das ist ein Mensch pro Sekunde (Quelle: Brot für die Welt).  Da scheinen Schätzungen von 50 bis sogar 350 Millionen Flüchtlingen für das Jahr 2050 realistisch (Quelle: FAZ).

Sind syrische Flüchtlinge in Wahrheit Klimaflüchtlinge?

In den Jahren 2006 bis 2011 war 60% der syrischen Landesfläche durch eine der schwersten Dürren der modernen Zeit betroffen. Über 5 Jahre hinweg fehlender Regen und schlechtes Wassermanagement führten zu Ernteausfällen bei 75% aller Bauern. Diese sahen sich gezwungen in die Städte auszuwandern, die bereits unsicher und instabil gewesen waren. Als endlich der Regen wiederkehrte, war es bereits zu spät, Aufstände und Krieg waren die Folge.

Seit den 70er Jahren häufen sich die Wetterextreme in Syrien, diese werden von Wissenschaftlern dem Klimawandel zugeschrieben (Quelle: Global Risks Report 2014). 4,9 Millionen Menschen sind aus Syrien ausgewandert, es ist somit das Land mit den meisten Flüchtlingen weltweit. Dazu kommen 6,6 Millionen Syrer, die im eigenen Land vertrieben wurden (Quelle: UNO Flüchtlingshilfe).

Die Krux der Klimaflüchtlinge

Während Syrer nicht eindeutig als Klimaflüchtlinge zu definieren sind, gibt es viele Menschen, wo es außer Diskussion steht, wie eben auch die Familie des oben erwähnten Ioane Teitiota. Das Problem ist jedoch, dass trotz allem das Versinken seines Landes kein Grund für Asyl.

Warum aber haben Klimaflüchtlinge keine Rechte? Ist es nicht nachzuvollziehen, dass man dem Hunger entkommen und überleben möchte?

Die Rechte von Flüchtlingen sind in der Genfer Flüchtlingskonvention (Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge) von 1951 festgehalten. Im Artikel 1 wird dabei behandelt, welche Menschengruppen das Recht auf Asyl zu gewähren ist und sie daher als Konventionsflüchtlinge gelten. Folgende Gründe für Flucht werden darin anerkannt: Verfolgung wegen der Rasse, der Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen einer politischen Überzeugung.

Migration durch Naturkatastrophen und Umweltveränderungen fällt somit völlig heraus! Ein Zustand der gänzlich überholt ist, bedenkt man, dass offenbar jetzt schon mehr als 25 Millionen Menschen jährlich aufgrund des Klimas ihr Zuhause zurücklassen müssen. Ungerecht ist auch, dass vor allem Länder vom Klimawandel betroffen sind, die diesen nicht selbst verursacht haben. Die Industriestaaten mit ihrem hohen Verbrauch an Ressourcen, sind nämlich auch die am wenigsten Leidtragenden der globalen Klimaveränderungen.

Sigeo Alesana- erster anerkannter Klimaflüchtling

Doch es gibt Hoffnung. 2014 gestand Neuseeland einer Familie aus Tuvalu Bleiberecht zu und berücksichtigte dabei den Klimawandel als Gefahr. Wie auch Kiribati versinkt der Pazifikinselstaat Tuvalu im Meer.

Musste Ioane Teitiota aus Kiribati 2013 noch vom Richter John Priestley hören: „Jemand, der ein besseres Leben sucht, indem er den empfundenen Folgen des Klimawandels entflieht, ist nicht eine Person, (…) auf die die Konvention zutrifft“, darf ein Jahr später die Familie aus Tuvalu in Neuseeland bleiben (Quelle: ORF).

Ein weiterer Lichtblick

Gemeinsam mit Norwegen brachte 2012 die Schweiz die Nansen Initiative ins Laufen, sie soll den Schutz von Menschen verbessern, die aufgrund von Naturkatastrophen ins Ausland flüchten. Im Oktober 2015 kam die Schutzagenda zum Abschluss, 109 Staaten unterstützen sie. Sie listet Maßnahmen wie Katastrophenvorsorge, die Anpassung an den Klimawandel oder die humanitäre Aktion auf (Quelle: EDA.admin.ch). Um die Vorhaben auch umzusetzen wurde ein Nachfolgemechanismus geschaffen, die Plattform on Disaster Displacement.

Der Schutz von Klimaflüchtlingen ist ein wichtiger Schritt, ein viel wichtigerer wäre die Klimaerwärmung in den Griff zu bekommen, damit Menschen erst gar nicht zur Flucht genötigt werden. Denn wie heißt es so schön im Lied von John Howard Payne und Sir Henry Bishop: „There‘s no place like home“!

Frei übersetzt: Am schönsten ist es doch zu Hause!

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