Eine Übung oder Vom Verschwinden

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Blick über Ölpalmplantage

Ein Versuch die heraufdämmernde Barbarei zu bezwingen.

Tausende, abertausende Arten löschen wir jährlich aus. Vieles über dessen Existenz wir ahnungslos sind, wird ausgelöscht noch bevor der Prozess des Beschreibens und Dokumentierens begonnen hat.

  • Seit dem Jahr 1900 wurden 75 Prozent der Kulturpflanzen vernichtet.
  • Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Pflanzen- und Tierarten sind auf das Äußerste bedroht.
  • 88 Prozent der Fischbestände sind gefährdet. In den letzten 30 Jahren wurde der Bestand der europäischen Vögel um 421 Millionen dezimiert.
  • Im Erhebungszeitraum von 1990 bis 2005 wurden durch die Tätigkeiten der Menschen jährlich 4,9 Millionen Hektar Wald vernichtet.
  • Aber auch unser immaterielles Kulturerbe wird bedrängt. Von den 6.000 Sprachen, die laut UNESCO gesprochen werden, sind über die Hälfte vor dem gänzlichen Auslöschen bedroht.

Die ILO benennt die Gewinne, die aus dem Menschenhandel erzielt werden, mit 150 Milliarden US Dollar. Es ist die drittwichtigste kriminelle Einnahmequelle nach dem Drogen- und Waffenhandel. Prognostiziert wird, dass durch den von Menschenhand verursachten Klimawandel bis zum Jahr 2050 um die 350 Millionen Menschen ihre Heimat aufgeben werden müssen. Ihre Heimat wird unbewohnbar, für Menschen ausgelöscht.

Ist das Auslöschen des Lebendigen Teil unserer Humanitas?

Vom Verschwinden: Hoffnung und Sehnsucht

Was ist mit dem Verschwinden gemeint? Wohin führt ein Verschwinden?

Im Unserem Fall führt das Auslöschen zum verödetem Landstrich, zur zerstörten Landschaft. Die Umgebung wird zum Ort des Verschwindens, des Versiegens und des Siechtums. Ein Ort wie viele auf unserer Erde und ein Ort, der überall sein könnte. Überall wird irreversibel in die Natur eingegriffen, selbst vor den letzten Biotopen, den Orten der Lebendigkeit, wird nicht halt gemacht.

Die treibende Dynamik dieses Tuns ist die merkantile Sucht, unsere Hybris, ein Akt des unerträglichen Realitätsverlustes: Wir Menschen üben uns darin, es noch auszuhalten, doch die Natur hält unserem Druck nicht mehr stand, sie verschwindet. Wir reißen etwas mit Gewalt aus dem natürlichen Sein, aus seiner natürlichen Lebenswelt. Wir überwältigen das Lebendige, das unsere Rettung ist, wir verwüsten und vernichten. Wir scheuen nicht, unser eigen Geld zu vernichten, unsere Wirtschaftskraft, die Demokratie, das Soziale, die Fürsorge, die Verantwortung für uns selbst und die anderen, für das Andere, das uns anvertraut wurde.

Wir brauchen nichts mehr von „da draußen“; wir produzieren alles selbst. Die Verarmung der Welt ereignet sich im Verschwinden des Lebendigen, der Natur, der menschlichen Zuneigung und Wärme, des Mitgefühls, des Gefühls für den Anderen und das Andere, das in unsere Hand gegeben wurde.

Tiere, Pflanzen, die Bewohner der Ozeane verschwinden nach und nach. Die wild lebenden Arten haben Nöte, im eigenen Lebensraum für ihr Leben zu sorgen; für Vermehrung, Aufzucht der Jungen, genügend Nahrung zu finden. Wir beschränken sie überall – auf den freien Wiesen, in ihren Wäldern, in der Steppe, auf dem Eis, in der Luft, im Süßwasser.

Nirgendwo lassen wir ihnen Raum für ihr Leben. Wir jagen, töten, verbauen, nutzen, brennen ab, verschmutzen, vergiften, trocknen aus. Und trotzdem sehen wir ihr ohnmächtig zu, der Auflösung der Natur!

Auch Wissen, Können, Erfahrung, Handwerk, Sprachen, Ethnien und Religionen verschwinden. Die Universalität von Mensch und Natur steht zur Disposition. Wir opfern das, was uns im Wege steht, und beseitigen das, was nicht als unseres, als existenziell zu uns gehörig erkannt wird. Wir lösen langsam, aber beständig die Schöpfung auf – all das, was uns anvertraut worden ist.

Hinzu kommen die gewaltigen Veränderungen in der Landnutzung und die Klimaveränderung – von der von uns verursachten Erderwärmung, die mit heftigen Wetterextremen einhergehen wird -, weiters die Stickstoffbelastung der Böden und Gewässer durch Kunstdünger und Fäkalien. Neophyten – gebietsfremde neue Pflanzenarten – breiten sich aus und wir wissen nicht, wie sich das auswirken wird.

Und zu guter Letzt muss auch die Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre genannt werden – zu den Hauptemittenten zählt die Landwirtschaft.

Manches verschwindet. Manches bekommen wir, ob wir es wollen oder nicht.
Verlust, auch der fremde Verlust, der Verlust der anderen, ist immer auch ein eigener Verlust, so heißt es.

Gelingt es uns nicht, in unserer eigenen Lebensführung die ökologischen, seelischen, sozialen, geistigen Ressourcen fördernd und ihre Lebendigkeit bewahrend zu nutzen und zu integrieren, werden wir ärmer und ärmer und roher. Die fortschreitende Zerstörung der unser Leben erhaltenden Ressourcen ist ein Akt der Selbstverneinung, der letztlich zu unserer Selbstzerstörung führt.

Verhaltensmuster können wir nur verändern, verstehen wir ihre Folgen, wenn sie für uns nachvollziehbar, begreifbar, handhabbar sind.

Für die meisten Menschen in ihrer Lebenssituation, sind die Erderwärmung, der katastrophale und unserer Art bedrohende Artenverlust in ihrer Auswirkung nicht verstehbar. Es übersteigt das Vorstellungsvermögen vieler Menschen.

Doch dann bleibt nur eine Gewissheit: Mit apokalyptischen Weissagungen ist niemand zu gewinnen, zu überzeugen.

Und Modelle der Anpassung führen nur zu Optimierung der Ausbeutung.

Was ist zu tun?

Wir brauchen Wege zu einer lebbaren Verantwortung, die nicht unterdrückt, nicht als Joch, sondern die uns die moralische Selbstgestaltungsfreiheit zurückgibt.

Und, als wichtigstes, das Rüstzeug zu einer neuen gesellschaftlichen Übereinkunft. Zur Solidarität, eine neue Haltung zum Gemeinwohl, zur Vertiefung von Lebens- und Entwicklungschancen.

„Eine nachhaltige Entwicklung findet erst statt, wenn Ökosysteme, Gesellschaft und Individuum mit einander verbunden sind.“
Gregory Bateson

Bärtiger Mann mit Kürbis in der Hand

Über den Autor

Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.

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