Vom Verschwinden

Regenwald

Wir versuchten, sie aufzuspüren – die Kou-prey, die rätselhaften Rinder des kambodschanischen Dschungels –, obwohl sie seit 1983 von niemandem mehr gesichtet wurden. Aber ein Kuhbuch ohne Kou-prey wollte ich nicht.

Hoffnung und Sehnsucht

Wir nahmen Kontakt mit der FAO, der Wildlife Conservation Society und der Regierung in Phnom Penh auf. Ja, vielleicht gibt es sie noch, hieß es. Wir stellten mit Einheimischen und Ortskundigen eine Gruppe zusammen und gingen im Regenwald der Provinz Mondulkiri auf die Suche. Keine Spuren – nichts, was auf die Rinder hindeuten könnte, war zu sehen. Unser Unternehmen war gänzlich erfolglos. Ich versuchte noch zwei Monate lang, einen Haudegen zu engagieren, der die Suche nochmals aufnehmen sollte. Die Minen, die in den vielen Kriegen, Bürgerkriegen und Genoziden im Urwald vergessen worden waren, hielten jeden ab. Im Buch gibt es also keine Fotografien von Kou-prey. Sind die Kou-prey verschwunden?

Und was ist mit Verschwinden gemeint? Verliefen sich die Tiere in der Unübersichtlichkeit des Dschungels, oder tauchten sie im Dunkel des Waldes unter? Wohin führt ein Verschwinden? Sind Kou-prey noch da, nur für uns nicht mehr sichtbar? Ihre Abwesenheit ruft in mir eine zehrende Sehnsucht nach ihnen hervor. Verschwinden Lebewesen, bleibt noch Hoffnung in uns, und sie wird zur Sucht, das Verschwundene doch noch aufzuspüren. Denn gerade im Dschungel ist das Sichtbare immer umschlossen und wird so zum Unsichtbaren.

Werke der Hybris

Was den möglichen Lebensraum der Kou-prey betrifft, kommen erschwerend noch die Gier der Wilderer und der unglaubliche Verwüstungswahn der Holzdiebe dazu. Die Holzdiebe verwandeln den Inbegriff des Lebendigen – den Regenwald, den Ort der größtmöglichen Vielfalt – in einen hingeworfenen Müllhaufen, einen verödeten Landstrich. Das Verschwinden der Kou-prey kündigte sich schon durch die unwiederbringlich zerstörte Landschaft an. So entschwand uns nach und nach die Gewissheit, die Tiere doch noch zu finden. Dies ist kein Ort der Wertschätzung, er ist vielmehr ein Ort des Verschwindens, des Versiegens und des Siechtums. Ein Ort wie viele auf unserer Erde und ein Ort, der überall sein könnte. Überall wird irreversibel in die Natur eingegriffen, selbst vor den letzten Biotopen, den Orten der Lebendigkeit, wird nicht haltgemacht.

Die treibende Dynamik dieses Tuns ist die merkantile Sucht, unsere Hybris, ein Akt des unerträglichen Realitätsverlustes: Wir Menschen üben uns darin, es noch auszuhalten, doch die Natur hält unserem Druck nicht mehr stand, sie verschwindet wie unsere Kou-prey. Wir reißen etwas mit Gewalt aus dem natürlichen Sein, aus seiner natürlichen Lebenswelt. Wir überwältigen das Lebendige, das unsere Rettung ist, wir verwüsten und vernichten. Wir scheuen nicht, unser eigen Geld zu vernichten, unsere Wirtschaftskraft, die Demokratie, das Soziale, die Fürsorge, die Verantwortung für uns selbst und die anderen, für das Andere, das uns anvertraut wurde.

Wir brauchen nichts mehr von „da draußen“; wir produzieren alles selbst. Die Verarmung der Welt ereignet sich im Verschwinden des Lebendigen, der Natur, der menschlichen Zuneigung und Wärme, des Mitgefühls, des Gefühls für den Anderen und das Andere, das in unsere Hand gegeben wurde.

Tiere, Pflanzen, die Bewohner der Ozeane verschwinden nach und nach. Die wild lebenden Arten haben Nöte, im eigenen Lebensraum für ihr Leben zu sorgen; für Vermehrung, Aufzucht der Jungen, genügend Nahrung. Wir beschränken sie überall – auf den freien Wiesen, in ihren Wäldern, in der Steppe, auf dem Eis, in der Luft, im Süßwasser. Nirgendwo lassen wir ihnen Raum für ihr Leben. Wir jagen, töten, verbauen, nutzen, brennen ab, verschmutzen, vergiften, trocknen aus. Und trotzdem sehen wir ihr ohnmächtig zu, der Auflösung der Natur! Auch Wissen, Können, Erfahrung, Handwerk, Sprachen, Ethnien und Religionen verschwinden. Die Universalität von Mensch und Natur steht zur Disposition. Wir opfern das, was uns im Wege steht, und beseitigen das, was nicht als unseres, als existenziell zu uns gehörig erkannt wird. Wir lösen langsam, aber beständig die Schöpfung auf – all das, was uns anvertraut worden ist.

  • 9 000 bis 138 000 Arten löschen wir jährlich aus.
    Die dokumentierte Ausrottung stellt nur einen Bruchteil dar, denn häufig sterben Arten aus, bevor wir sie beschreiben konnten.
  • Pflanzen
    136 Pflanzenarten sind seit 1962 vernichtet worden.
    Aktuell sind 10 896 im gefährdeten Zustand.
    (Quelle: IUCN)
  • Tiere
    763 Tierarten wurden seit 1962 ausgerottet, davon 79 Säugetierarten.
    Aktuell sind 11 877 Tierarten als gefährdet eingestuft, davon allein 1 200 Säugetierarten.
    (Quelle: IUCN)
  • Kulturpflanzen
    Seit 1900 gingen 75 Prozent aller Kulturpflanzen verloren.
    (Quelle: FAO)
  • Nutztiere
    Jedes Jahr sterben 50 Nutztierrassen aus.
    Von den 7 616 bei der FAO registrierten Nutztieren sind 690 Arten ausgestorben.
    1 500 lebende Nutztierrassen gelten als sehr bedroht.
    (Quelle: FAO)
  • Rinderrassen
    Bei der FAO sind 990 Arten verzeichnet, 209 gelten als ausgestorben.
    490 Rinderarten gelten als gefährdet.
    (Quelle: FAO)
  • Agrarböden
    Weltweit gehen jährlich 24 000 000 000 Tonnen Boden durch Erosion verloren. Der Agrarflächenverlust durch Versteppung, Verwüstung, Versiegelung etc. betrug zwischen 1960 und 2008 35 Prozent der gesamten Ackerfläche.
    (Quelle: IASS)

Hinzu kommen die äußerste Gefährdung der Biodiversität, die gewaltigen Veränderungen in der Landnutzung und die Klimaveränderung – Menschen, die es ganz genau nehmen, sprechen von der von uns verursachten Erderwärmung, die mit heftigen Wetterextremen einhergehen wird –, weiters die Stickstoffbelastung der Böden und Gewässer durch Kunstdünger und Fäkalien. Neophyten – gebietsfremde neue Pflanzenarten – breiten sich aus und wir wissen nicht, wie sich das auswirken wird. Und zu guter Letzt muss auch die Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre genannt werden – zu den Hauptemittenten zählt die Landwirtschaft.

Manches verschwindet. Manches bekommen wir, ob wir es wollen oder nicht.

Verlust, auch der fremde Verlust, der Verlust der anderen, ist immer auch ein eigener Verlust.

Cover eines Buches mit cremefarbener KuhAus „Unberührte Schönheit – Reisen zu den ursprünglichen Kühen der Welt“ von Werner Lampert

Über Werner Lampert
Werner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.
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