Nachhaltigkeit muss begreifbar und erlebbar sein

,

Herr Lampert, Sie beschäftigen sich seit mehr als 20 Jahren mit Nachhaltigkeit. Mit „Ja! Natürlich“ und „Zurück zum Ursprung“ haben Sie zwei der erfolgreichsten Bio-Marken Europas begründet. Was bringt Sie nun dazu, sich mit neuen Wegen für Nachhaltigkeit zu beschäftigen?

Werner Lampert: Nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Nachhaltigkeit können wir viele praktische Erfolge vorweisen. Aber haben wir auch gesellschaftspolitisch etwas bewegt? Konnten wir die Menschen mit unseren Themen erreichen? Und was braucht es, damit Nachhaltigkeit in den Köpfen ankommt? Diese Fragen haben mich seit Längerem beschäftigt. Daraus entstand dann die Idee, die Chancen und Grenzen von Nachhaltigkeit einmal ganz unvoreingenommen zu betrachten. Das war auch der Anstoß für das erste Nachhaltigkeitsforum Langenlois im Herbst 2016.

Taugt der Begriff Nachhaltigkeit heute überhaupt noch – oder sollte man ihn nicht längst schon ersetzen?

Lampert: Ich sehe die Nachhaltigkeit als ein stolzes Kind der Aufklärung. Bis heute gibt es – trotz aller begründeten Vorbehalte – einfach keinen besseren Begriff. Wir hatten ja selbst vor Jahren ein Experiment gestartet und „nachhaltig“ durch „zukunftsfähig“ ersetzt. Davon sind wir aber wieder abgekommen, weil das niemand verstanden hat oder nachvollziehen wollte.

Konrad Paul Liessmann: Für mich hat sich gezeigt, dass man dem Begriff Nachhaltigkeit – wenn man weiter damit arbeiten will – eine bestimmte Schärfe zurückgeben muss. Man muss schauen, dass er nicht mehr so inflationär gebraucht wird, sondern für Anliegen reserviert bleibt, die den Aspekt der Dauer, der Erhaltung, der positiven Weiterentwicklung von Umwelt und Mensch beinhalten.

„Für mich hat sich gezeigt, dass man dem Begriff Nachhaltigkeit – wenn man weiter damit arbeiten will – eine bestimmte Schärfe zurückgeben muss.“ Konrad Paul Liessman

Interessant ist auch, wie unterschiedlich der Begriff der Nachhaltigkeit in den verschiedenen Sprachen repräsentiert ist. Darin manifestieren sich gegensätzliche Bezugspole.

Liessmann: Ja, dieser sprachliche Aspekt ist interessant. Denn ob man von „Nachhaltigkeit“, „Resilience“ oder „Durevolezza“ spricht, macht einen Unterschied. In diesen Begriffen offenbaren sich die verschiedenen Zugänge zur Nachhaltigkeit: Auf der einen Seite das Fortsetzen des Bewährten, das Erhalten dessen, von dem man sagen kann „Das will ich den kommenden Genehrationen übergeben“ – und auf der anderen Seite der Anspruch, gerüstet zu sein für die Zukunft.

Lampert: Mir fällt dazu der Begriff „Luftmensch“ ein, der zum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommen ist. Damit bezeichnete man junge Männer, die mit ihren Füßen nicht auf der Welt standen, und mit dem Kopf im Himmel steckten. Bei Nachhaltigkeit denke ich mir oft, das ist so ein Luftbegriff wie Luftmensch. Mir ist klargeworden, dass man Nachhaltigkeit stärker in Verbindung mit ganz konkreten Dingen bringen muss. Und das Konkrete nicht abstrakt halten, sondern in eine Beziehung setzen zu dem, mit dem wir alltäglich zu tun haben.

„Mir ist klargeworden, dass man Nachhaltigkeit stärker in Verbindung mit ganz konkreten Dingen bringen muss. Und das Konkrete nicht abstrakt halten, sondern in eine Beziehung setzen zu dem, mit dem wir alltäglich zu tun haben.“ Werner Lampert

Lässt sich das Konzept der Nachhaltigkeit in einem von Wachstum getriebenen Wirtschaftssystem überhaupt umsetzen? Oder ist das zu naiv gedacht?

Liessmann: Ich glaube nicht, dass wir, auch wenn alle Menschen brav Müll trennen und Bioprodukte kaufen, in eine nachhaltige Zukunft wandern. Weil uns die ökonomischen Rahmenbedingungen andere Ideen geben und etwas anderes einfordern. Diese Debatte „Nachhaltigkeit versus Wettbewerbsorientierung oder Wachstumsökonomie“, die muss man führen.

Lampert: Auf die Ökonomie bezogen sehe ich die Nachhaltigkeit in einer ganz anderen Position. Also ich behaupte, dass wir – zumindest europaweit – keine politische Handlungsfähigkeit mehr haben. Und die einzigen, die Nachhaltigkeit weiterbringen können, sind die Wirtschaftsbetriebe, die diese für sich neu gewichten müssen. In vielerlei Bereichen der Wirtschaft schaffen wir ja nur eine dauerhafte Wertschöpfung, wenn wir anders mit Ressourcen umgehen.

Das klingt bestechend. Aber müsste sich dafür nicht unser Wirtschaftssystem grundlegend ändern?

Lampert: Solange Aufsichtsräte oder Vorstandsmitglieder für vier Jahre gewählt werden und in dieser Zeit optimale Ergebnisse bringen müssen, wird das nicht funktionieren. Ich denke, da muss die Ökonomie sich bewegen und andere Modelle des Wirtschaftens entwickeln. Die Wirtschaft muss beginnen, Positionen für die Allgemeinheit zu besetzen, die eigentlich die Politik besetzen müsste.

Und es braucht engagierte Unternehmen und Menschen, die diese Entwicklung vorantreiben …

Lampert: Wir könnten ja auch eine Erfolgsgeschichte schreiben. Darüber, was sich bereits bewegt hat in den letzten 20 oder 30 Jahren. Sicher ist nicht alles so ideal, wie wir uns das vorstellen. Aber es sind Bewegungen im Gange. Nachhaltigkeit ist ein Projekt der Allgemeinheit. So wie die Produzentenkooperativen partizipative Modelle begründen müssen, so muss man allgemein mit Nachhaltigkeit umgehen. Das wird ungewöhnliche Partnerschaften und Kooperationen erfordern – und dafür müssen wir Mut machen.

Liessmann: Es hat in den letzten Jahrzehnten sicher Veränderungen zum Positiven gegeben. Wir sehen ja, dass vieles bewusster geworden ist, dass es auch regionale und lokale Initiativen gibt, die sich gegen die ressourcenabbauende Mainstream-Ökonomie positionieren. All das zeigt uns, dass man optimistisch sein kann. Man darf nur nicht den Fehler machen, zu glauben, man könne in wenigen Jahren alles ändern. Solange es noch billiger ist, Tomaten zum Waschen kreuz und quer durch Europa zu schicken statt sie vor Ort anzupflanzen, zu reinigen und zu verkaufen, wäre jeder Unternehmer verantwortungslos gegenüber seinem Unternehmen, wenn er nicht die billigere Variante wählt.

Und was stellen Sie sich für die Zukunft vor?

Lampert: Wir müssen neue Wege gehen, um die Menschen zu erreichen. Denn Verhaltensmuster lassen sich nur verändern, wenn die Menschen ihre Folgen verstehen, wenn sie für sie nachvollziehbar, begreifbar und handhabbar sind. Für die meisten sind die Erderwärmung, der katastrophale und unsere Art bedrohende Artenverlust in ihrer Auswirkung nicht verstehbar. Mit apokalyptischen Weissagungen ist niemand zu gewinnen. Wir brauchen Wege zu einer lebbaren Verantwortung, die uns die moralische Freiheit zur Selbstgestaltung wiedergibt.

„Wir müssen neue Wege gehen, um die Menschen zu erreichen. Denn Verhaltensmuster lassen sich nur verändern, wenn die Menschen ihre Folgen verstehen, wenn sie für sie nachvollziehbar, begreifbar und handhabbar sind.“ Werner Lampert

Konrad Paul Liessmann (geb. 1953) ist Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Mit Veröffentlichungen wie „Theorie der Unbildung“ (2006) und „Lob der Grenze“ (2012) profilierte er sich als kritischer Vordenker. Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien sowie Begründer und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

Bärtiger Mann mit Kürbis in der HandWerner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.

Quelle: Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Interviews mit Werner Lampert und Konrad Paul Liessmann im November 2016.

Artikel der Redaktion

0 Antworten

Ihr Kommentar

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.