Was meinen wir, wenn wir von Regionalität sprechen?

,
Mann mit Rauschebart und lockigem Haar hält Kürbis in der Hand und betrachtet ihn

Dort wo ich aufwuchs, im Westen Österreichs, ging man nach der Sonntagsmesse nicht zum Frühschoppen – so etwas wäre unethisch gewesen, verschwenderisch. Die Nachbarn sind nach der Messe zusammengesessen – ohne Alkohol – und sprachen über Gott und die Welt. Kaum kam die Rede auf Gott, fiel stereotyp: „Was Gott durch einen Berg getrennt hat, sollte der Mensch nicht durch einen Tunnel verbinden.“ Und schon sind wir mitten im Thema: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Regionalität sprechen?

Regionalität hat viele Gesichter

Lassen Sie mich die Eckpfeiler der Regionalität mit ein paar Gedanken zu meiner Herkunftsregion erläutern:

  1. Offensichtlich ist die Region ein geografischer Raum, der in diesem Fall von einem hohen Berg begrenzt wird.
  2. Die Region ist ein sozialer Raum:
    „Wir sind anders als die hinter dem Berg.“
    Wir haben eine gemeinsame Wertvorstellung: katholisch, arbeitsam, leistungswillig, diszipliniert, Nachbarschafts-orientiert -> braucht ein Nachbar Hilfe, steht man zusammen! Der soziale Raum wurde durch einen Konsens im Werturteil geprägt, aber auch in der gemeinsamen Abwehr gegen die hinter dem Berg!
  3. Die Region ist vielleicht auch ein Sprachraum: „Die hinter dem Berg verstehen uns nicht, weil sie unsere Sprache nicht verstehen.“ Wird man nicht verstanden, gibt es auch keine Zugehörigkeit.
  4. Die Region ist ganz sicher ein Wirtschaftsraum: „Wir sind tüchtig, schaffen Werte und müssen mit unserem mühsam geschaffenen Vermögen die hinterm Berg aushalten.“
  5. Und mit all diesen Vorbehalten sind wir bei der dunklen Seite der Regionalität: Beim Chauvinismus! Er macht uns destruktiv, nährt das Misstrauen, blockiert uns und verhindert wirtschaftliche Prosperität in der Region, das wirtschaftliche Gedeihen der Region. Der Chauvinismus ist der größte Feind der Regionalität!
    Prosperität wird nur über das Zugewandtsein geschaffen. Wenn der Lebensstil, die ländliche Kultur, nicht zur Segregation führt.
  6. Regionalität beruht auf einem Kulturraum, der unsere Eigenart bestärkt und unser Selbstwertgefühl nährt – auf dass wir uns auch für das Fremde und Befruchtende öffnen können.
  7. Regionalität geschieht vor allem in einem Beziehungsraum, in einer Verbundenheit mit den regionalen Gegebenheiten. In der Vertrautheit entwickelt sich Vertrauen. Man erfährt, dass sich Engagement und Anstrengung lohnen, erlebt Respekt und Achtung. Kurzum: Man wird akzeptiert.
  8. Aber Regionalität ist auch ein Gesundheitsraum: Wir erlernen das In-Beziehung-Kommen, wir entwickeln unsere empathischen Sinne. Wir begreifen unsere Region als Ganzes und können aus dieser Sicherheit heraus auch Widersprüche zulassen.
    Vielfalt wird als Bereicherung erlebt, sie bewirkt Neugier und Interesse, das sind Vorbedingungen um sich einer Region verbunden zu fühlen.

Der so entwickelte Raum fördert die persönliche Resilienz und ermöglicht so die regionale Resilienz.

Warum ich so viel über Beziehung und emotionale Gesundheit spreche?

Wahrscheinlich sind nur in diesem Sinne gesunde Menschen, langfristig kooperationsfähig.

Wir sind erst am Anfang einer lebendigen Regionalität. Wir sind nicht mehr als die Herolde des Zukünftigen.

Es wird eine neue Generation benötigen, die neue Formen des regionalen Wirtschaftens entwickeln wird – kooperative Wirtschaftsformen. Partizipation wird der Weg sein. Nicht mehr konkurrierend, sondern radikal solidarisch, nur so lassen sich die zukünftigen Herausforderungen bewältigen.

Diese neue Form des Miteinanders wird der Nährboden sein auf dem gegenseitiges Vertrauen und Verbindlichkeit wächst. Kein Vertrauen ohne Verbindlichkeit.

Vertrauen, das Kapital der Zukunft

In Amerika gibt es einen philosophischen Zweig, der sich mit dem Vertrauen auseinandersetzt. Die Quintessenz – Vertrauen ist das größte Kapital, das größte wirtschaftliche Kapital. Diese Philosophen sagten schon vor Jahren voraus, dass die mächtigen, übermächtigen Wirtschaftsunternehmen implodieren werden, wenn sie mit dem Vertrauen der Konsumenten, Benutzer nur spielen und wenn sie die Konsumenten täuschen. Gerade heute sind wir Zeugen, was alles passiert und noch passieren wird, wird Vertrauen missbraucht.

  • Vertrauen muss täglich neu erworben werden!
  • Vertrauen ist kein Ruhekissen!
  • Vertrauen verlangt nach Fairness und Offenheit!

Regionalität geht Hand in Hand mit Nachhaltigkeit

  • ökologisch
    • Senkung von Emissionen wie CO2
    • Umgang mit Wasser
    • Biodiversität als unser aller Lebensgrundlage

  • Nur aus einer ökologisch wertvollen Region mit gesunden Böden und Tieren kommen hochwertige Lebensmittel.
  • wirtschaftlich
    • Wertschöpfung in der Region
    • Arbeitsplätze

  • Nur eine ökonomisch stabile Region schafft Lebensverhältnisse, in denen Menschen nicht mehr abwandern.
  • sozial
    • Kooperatives Verhalten
    • Schaffung von regionaler Identität und Beziehungen

  • Nur in einer sozial lebendigen Region kann sich ein Miteinander unter den Menschen entwickeln, aus dem Resilienz entsteht.

Regionalität und unser Essen

Regionalität heißt auch Ernährungssouveränität.

In naher Zukunft werden wir auf Versorgungsprobleme mit Lebensmitteln zugehen.

Die Gründe: Erderhitzung- nach wie vor wird CO2 ungebremst emittiert. Einen großen Anteil daran hat der Proteinverbrauch der Hochleistungstiere in der Landwirtschaft. Die Futtermittel werden zumeist in Drittländern für Europa angebaut, das heißt, die intensive, auf Hochleistung bezogene Tierhaltung benötigt einen zusätzlichen Raum für den Proteinanbau, der zumindest halb so groß wie ganz Europa ist!

Weitere Gründe sind der Energieverbrauch der Landwirtschaft, die Petroindustrieabhängigkeit der industriellen Landwirtschaft, Herbizide, Fungizide, Insektizide, mit einem Wort die Gänze der Pestizide, der synthetische Dünger, Zusatzfutter wie Propylenglykol etc., alle Arten der Hochleistungsmaschinen in der Landwirtschaft, Verlust der Bodenfruchtbarkeit, Humusverfrachtungen, massive Bodenverdichtungen durch völlig untaugliche Maschinen und Geräte, massiver Verlust des Bodenlebens in der konventionellen Landwirtschaft, atemberaubender Verlust der Biodiversität durch die intensivierte Landwirtschaft und dies alles vor der Tatsache des Klimawandels und der rasch anwachsenden Erdbevölkerung.

Im Jahre 2050 sind mit 9,5 Milliarden Menschen auf unserem Planeten zu rechnen.

Weg durch Baumreihe

Schon um unsere Bevölkerung künftig zu ernähren brauchen wir die authentische – gelebte – Regionalität. Nur so schaffen wir eine Art Ernährungssouveränität. Daher müssen wir heute schon regional denken, regional handeln, regional wirtschaften, eine tiefgreifende regionale Entwicklung anstreben.

Das wird noch für die Bevölkerung von hohem Wert sein! Denn das Selbstbestimmungsrecht auf unser Essen haben wir nur in der Ernährungssouveränität. Nur so können wir mitbestimmen, was für Lebensmittel wir essen, welche Landwirtschaft für uns betrieben wird.

Kleine, mittlere landwirtschaftliche Betriebe sind weit, weit produktiver als intensive Betriebe. Bei einem intensiven Milchbetrieb ist der Faktor von Input zu Output lediglich 0,37. Erwirtschaftet wird nur noch ein 37% von dem, was der Betrieb aufwenden muss.

„Die Investition in kleinbäuerliche Produktion gilt als das vielversprechendste und sicherste Mittel, um Hunger zu bekämpfen und negative Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt zu minimieren.“

Zitat des Weltagrarberichtes vom Weltagrarrat (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development, Abk. IAASTD)

Die Ernährung der Menschen wird künftig nur eine ökologische, solidarische und partizipative Landwirtschaft bewerkstelligen können, nur eine Landwirtschaft, die den regionalen Raum bereichert, wirtschaftlich trägt und das soziale Netz der Region stärkt.

Authentische Regionalität steht für: Lebendigkeit, Heimat, Vielfalt, Schönheit, Eigenheit, für einen einzigartigen Geschmack, Tradition, Bezogenheit und verantwortliches Handeln.

Authentische Regionalität ist der Gegenwurf und zugleich der Heilboden für all die, die den Tribut an die Moderne zu entrichten haben – Heimatverlust, entwurzelt sein, einen beschleunigten Lebensentwurf ausübend. Das alles führt nach und nach zur Überforderung und zum Orientierungsverlust.

Dafür ist der ursprüngliche, lebendige Beziehungsraum, die Region, der Platz an dem man sich wiederfinden kann. Die Region als Gesundheitsraum – als Wiederfinden-Ort, der Ort, an dem man wieder Bezogen sein darf.

Regional Handeln aus Verantwortung für sich und die Anderen und aus Verantwortung für die nachkommenden Generationen.

Bärtiger Mann mit Kürbis in der HandWerner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.

0 Antworten

Ihr Kommentar

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.