Authentische Regionalität?

Weibliche Hand hält erdige Karotten

Drei Viertel der Konsumenten geben bekannt, dass Ihnen regionale Lebensmittel wichtig sind (Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen e.V. Mannheim 2017). Sie freuen sich, auf diese Weise die heimische Produktion zu fördern und gleichzeitig schmackhafte Produkte, die gut für Mensch, Tier und Umwelt sind, zu erhalten.

Ja, Regionalität ist ein Megatrend. Nein, regionale Produkte sind nicht automatisch nachhaltig und qualitativ hochwertig.

„Rund um Regionalität wurde ein wunderbares Marketing erfunden und entwickelt, aber das hat mich nie interessiert, mich interessiert nur die wirklich authentische Regionalität“, erklärt der Nachhaltigkeitsexperte Werner Lampert.

Was ist authentische Regionalität?

Ist der Nürnberger Lebkuchen regional, der laut EU-Recht sogar eine geschützte geografische Angabe ist, obwohl die Rohstoffe aus aller Welt kommen dürfen?

Oder: „Kann ein Schweinsschnitzel überhaupt regional sein, wenn die Tiere mit Soja aus Südamerika gefüttert werden und die Gerste aus der Ukraine kommt?“, hinterfragt Werner Lampert.

Authentische Regionalität erfordert ganz klar einen nachhaltigen Kreislauf in der Region, von der Erzeugung der Rohstoffe über deren Bearbeitung – etwa in Molkereien oder Schlachthöfen – bis zur Produktion der konsumfertigen Nahrungsmittel oder Güter. Die Wertschöpfung verbleibt in der Region und wirkt der Abwanderung entgegen, schont die Ressourcen und die Kultur; Traditionen werden für nachfolgende Generationen bewahrt. Ernsthafte Regionalität muss mit Nachhaltigkeit in allen Dimensionen verbunden sein.

Hervorzuheben ist, dass authentisch regionale Produkte nicht aus der Nachbarschaft stammen müssen. Ein Beispiel, welches dies verbildlicht, ist die Versorgung mit Milch in der österreichischen Hauptstadt Wien. Als Wiener Konsument, der Regionalität mit 50 km Umkreis definiert, sähe das Angebot an Milchprodukten ziemlich trist aus, weil es nun einmal leider keine Kühe in Wien gibt. Das ist aber natürlich Unfug.

Kuh mit Hörnern schaut in die Ferne

Ein regionales Produkt soll dort entstehen, wo es kulturell verwurzelt ist, wo geeignete klimatische Bedingungen vorherrschen. Für Milchwirtschaft sind das in Österreich die Bergregionen. Bereits im 7. Jahrhundert dürfte traditionelle Almwirtschaft in der uns bekannten Form betrieben worden sein. Die Tier- und Pflanzenwelt konnte sich langsam an die Bewirtschaftung anpassen und eine hohe Biodiversität ausbilden.

Kauft ein Wiener nun die Milch des landwirtschaftlichen Betriebes im Flachland nebenan, wo die Kühe mit Mais aus dem Ausland gefüttert werden und im Gegenzug Almen verwalden und die alpine Vielfalt verschwindet, hat dies mit Regionalität, Umweltschutz, Qualität oder Genuss nichts mehr zu tun.

Regionalität per se ist kein Qualitätsgarant

In Deutschland erfreut sich das „Regionalfenster“ auf Produktverpackungen immer größerer Beliebtheit. Das Marketing rund um Regionalität lässt die Menschen glauben, dass sie mit regionalen Produkten auch höhere Qualität kaufen. Falsch! Regionalität sagt nichts aus über Produktionsmethoden und ist kein Garant für Qualität. Das erklärt der Humangeograph Ulrich Ermann anhand des Beispiels „Regionalfenster“: „Die ‚Regionalität‘ einer Portion Schweinefleisch wird beispielsweise gewährleistet, indem auf dem Siegel angegeben und bestätigt wird, dass das Schwein in den deutschen Bundesländern Bayern oder Baden-Württemberg gemästet wurde, in Ulm geschlachtet und in Birkenfeld (beides in Baden-Württemberg) zerlegt und verarbeitet wurde. Über diese Lokalisierbarkeit hinaus soll das Regionalfenster bewusst keine Informationen liefern.“ Das Fenster gibt keinerlei Auskunft darüber, wie das Tier aufgewachsen ist, was es gefressen hat, wie es geschlachtet und verarbeitet wurde.

Menschen sehnen sich nach dem Echten

Aber warum kaufen Konsumenten verstärkt Produkte aus der Region? Was macht die besondere Anziehungskraft des Regionalen aus?

Ein Grund liegt in der gesellschaftlichen Entwicklung. „Je digitalisierter unsere Welt wird, umso interessanter werden authentische, regionale Projekte. Das ist, wonach die Menschen hungern“, erklärt der Nachhaltigkeitsexperte und Biopionier Werner Lampert.

In der Tat ist die zunehmende Digitalisierung und Globalisierung in allen Lebensbereichen ein Faktor, der die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und Realen nährt.

Regionale biologische Landwirtschaft sichert die Ernährung

Diese Sehnsucht ist völlig berechtigt und wichtig, denn nur nachhaltig geführte regionale Landwirtschaft kann uns zukünftig ernähren. Die ressourcenintensive Agrarindustrie stößt weltweit an ihre Grenzen. Darüber sind sich viele Experten einig, wie etwa beim letztjährigen BioCULTURA Almgespräch zur Zukunft des Alpenraums.

„Die Investition in regionale, kleinbäuerliche Produktion ist das vielversprechendste und sicherste Mittel, um die Versorgung auch in Zukunft zu sichern. Nicht über Massenproduktion, sondern durch Produktqualität“, ist Lampert überzeugt.

Welch ein Genuss ist ein Glas Rohmilch, von Kühen, die auf der Alm grasen und frische Alpenluft atmen.

Die Erfüllung, die man im Genuss erfährt, wird nach dem Philosophen Emmanuel Levinas mit Glück gleichgesetzt. Denn man lebt nicht nur, um zu überleben, sondern auch für das Glück dieses Genusses.

Frauenhand mit Glas Milch

 

 

 

 

 

 

Quellen:

  • Wie regional sind unsere Lebensmittel – Umfrage ZDF
  • Ulrich Ermann: Wie schmeckt die Region? Potenziale und Probleme bei der Vermarktung von Regionalprodukten. In: Ernährung – Bildung. Praxisbeispiele aus den Regionen. Herausgegeben vom Ministerium für ein lebenswertes Österreich, März 2015.

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