Klimaschutz: Jetzt heißt es anpacken!

Apfelbaum der mit Eisschicht überzogen ist

Quo vadis Klimaschutz? In den aktuellen Politikdebatten scheint die globale Erderwärmung zur Randnotiz zu verkommen. Obwohl das Thema wirtschaftliche Relevanz hat: Allein in Österreich könnte sich bis 2050 der volkswirtschaftliche Gesamtschaden durch den Klimawandel auf mehr als acht Milliarden Euro pro Jahr erhöhen. So das Ergebnis einer Studie der Universität Graz von 2015. Doch neben diesen Gefahren birgt die Situation auch Chancen – darauf weisen Politikwissenschaftler Claus Leggewie und Biopionier Werner Lampert hin. Die beiden Vordenker im Gespräch.

Nachhaltige Chancen für Klima und Wirtschaft nutzen

Gab es vor kurzem nicht einen Hoffnungsschimmer am Horizont? Immerhin konnte 2015 bei der Weltklimakonferenz von Paris ein Durchbruch erzielt werden: Die Weltgemeinschaft verpflichtete sich, den globalen Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius zu halten. „Das Problem ist, dass auch Staaten wie Deutschland oder Österreich ihre Verpflichtungen zur Senkung der CO2-Emissionen nicht einhalten“, gibt Claus Leggewie zu bedenken. Heute gelte: Augen zu vor den Entwicklungen auf der Welt, denn das Wetter bei uns bleibt – augenscheinlich – wie es ist.

„Ein vernünftiger Klimaschutz hilft nicht nur der Umwelt, er birgt auch enorme wirtschaftliche Potenziale, um Wertschöpfung und Jobs zu schaffen.“ Werner Lampert, Biopionier

In die gleiche Kerbe schlägt auch Werner Lampert: „Ich halte das Verhalten der Politik für einen Riesenfehler. Denn ein vernünftiger Klimaschutz hilft nicht nur der Umwelt, er birgt auch enorme wirtschaftliche Potenziale, um Wertschöpfung und Jobs zu schaffen.“

Andere Staaten haben das bereits erkannt: So drückt China zum Beispiel in Sachen Elektromobilität auf die Tube und liegt mit 43 Prozent Anteil an der Weltproduktion von 870.000 E-Fahrzeugen deutlich an der Spitze.

„Die politischen Eliten trauen sich nicht wirkliches Leadership zu machen. Klimaschutz ist in ihren Augen kein sexy Thema, dabei ist genau das Gegenteil der Fall.“ Claus Leggewie, Politikwissenschaftler

Authentische Regionalität ankurbeln

Das ökologische Bewusstsein muss also reformiert werden. „Klimaschutz ist ein sexy Thema. Statt Menschen ständig nur Angst zu machen, müssen die Chancen aufgezeigt werden – durch eine Hinwendung zu sauberen Energiequellen, zu neuen Geschäftsmodellen, Produkten und Lebensstilen“, schlägt Leggewie vor. Doch ist es in diesen krisenerschütterten Zeiten überhaupt möglich, grüne Ideen voranzutreiben? Hoffnung geben dem Politikwissenschaftler regionale Entwicklungen, wie in seiner eigenen Heimat. Das in der Vergangenheit stark durch die Kohleindustrie geprägte Ruhrgebiet wurde durch zahlreiche Maßnahmen in eine lebenswerte Oase verwandelt. Dazu zählen etwa die Einrichtung eines 100 Kilometer langen kreuzungsfreien Ruhr-Radweges oder der Einsatz von Change Agents, die nachhaltige Veränderungsprozesse dezentral vorantreiben.

„Um das Klima zu schützen, müssen wir anders Landwirtschaften. Sowohl am Land als auch in den Städten sind Erfindergeist und Kreativität gefordert.“ Werner Lampert, Biopionier

Für Werner Lampert ein richtiger Ansatz. Denn der Biopionier sieht gerade die Entwicklung der Region als einen wichtigen Hebel, um den Klimaschutz auf nachhaltige Beine zu stellen. Dabei verweist er auf die Landwirtschaft. „Wir brauchen eine authentische Regionalität, die den gesamten Kreislauf umschließt, von der Erzeugung der Rohstoffe über deren Bearbeitung bis zur Produktion der Nahrungsmittel. Damit bleibt die Wertschöpfung in der Region.“ Das wirke der Abwanderung entgegen, schone die Ressourcen und damit das Klima.

Portrait eines grauhaarigen Mannes mit Brille„Wir dürfen erneuerbare Energien nicht als zusätzlichen Kostenfaktor sehen oder mit Verzicht verbinden. Sie sind ein Gewinn für mehr Lebensqualität.“ Claus Leggewie, Politikwissenschaftler

Autoindustrie aus der Dieselfalle holen

Vielversprechende Projekte gibt es also bereits – noch plagen uns aber die Geister der Vergangenheit. Leggewie geht vor allem mit der deutschen Autoindustrie hart ins Gericht. „So blind, wie die Industrie heute ist, ist sie zum Sterben verurteilt“, hält er fest. Die Führungsetagen der Hersteller würden in verkrusteten Strukturen stecken, Elektromobilität würde nur halbherzig vorangetrieben. „Obwohl die Absatzzahlen allein im September 2017 um ein Fünftel gefallen sind, halten die Autobauer am Diesel fest. Fakt ist aber, dass wir eine Verkehrswende brauchen und die Politik muss klare Ziele dazu vorgeben“, so Leggewie.

„Mit Angst erreichen wir gar nichts. Wir müssen uns auf die Chancen konzentrieren und mobilisieren.“ Werner Lampert, Biopionier

Von den politischen Entscheidern fordert Werner Lampert auch noch etwas anderes: „Dass man – wenn überhaupt – von einem Klimawandel spricht, halte ich für einen Euphemismus.“ Schließlich sei alles im Wandel begriffen, von der Arbeitswelt der Schule bis zur Familie. Das suggeriere, dass vom Klimawandel nichts Aufregendes ausgehe. „Tatsächlich haben wir es aber mit einer Erderhitzung zu tun“, warnt Lampert. „Das sollten wir ernst nehmen und angemessen darauf reagieren.“

„Wären wegweisende Innovationen in turbulenten Zeiten nicht möglich, hätte es nie die Erfindung der Dampfmaschine gegeben.“ Claus Leggewie, Politikwissenschaftler

Einig sind sich die beiden Experten zudem in einer weiteren Sache: Jetzt heißt es anpacken! „Vor allem jungen Menschen und kleinen Unternehmen bietet sich heute eine nie dagewesene Fülle an Chancen“, ist Leggewie überzeugt. Bleibt nur zu hoffen, dass ihnen die Politik die richtigen Rahmenbedingungen ermöglicht.

Portrait eines grauhaarigen Mannes mit Brille

© Foto: Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Fotograf Georg Lukas

Über Claus Leggewie

Prof. Dr. Claus Leggewie wurde 1950 in Wanne-Eickel im Ruhrgebiet geboren. Er ist Professor für Politikwissenschaft und Ko-Direktor des Center for Global Cooperation Research in Duisburg. Von 2007 bis August 2017 leitete er das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI). Zudem war er bis 2016 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Seit 2016 ist Leggewie Inhaber der Ludwig-Börne-Professur an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Bärtiger Mann mit Kürbis in der HandÜber Werner Lampert

Der Biopionier und Nachhaltigkeitsexperte Werner Lampert zählt zu den Vorreitern im Kampf gegen den Klimawandel und zu den europäischen Wegbereitern für nachhaltige Produkte.

Quellen:

Artikel der Redaktion

 

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